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Interview mit Daniel Wrobel von »medicstream«

Medizinische Videoclips auf Rezept: E-Health-Startup »medicstream« unterstützt mit digitalem Angebot die Arzt-Patienten-Kommunikation

von Charlotte Clarke, 15. November 2019 07:37
Viele Ärzt*innen kennen das Dilemma: Für eine umfangreiche persönliche Aufklärung der Patient*innen fehlt oft schlicht die Zeit. Viele suchen dann auf eigene Faust bei teils unseriösen Quellen nach Informationen zum eigenen Krankheitsbild. Diese Lücke möchte das E-Health-Startup »medicstream« schließen - Ärzt*innen »verschreiben« ihren Patient*innen professionelle und auch für Laien verständliche Videos, die jederzeit von zu Hause abgerufen werden können. Mehr zum Konzept im Interview mit Daniel Wrobel, CEO von »medicstream«.

Mit eurem Startup medicstream wollt ihr die Kommunikation zwischen Ärzt*innen und Patient*innen auf ein neues Level heben. Wie genau sieht euer Konzept aus?

Daniel Wrobel: Um dies zu erklären, muss man kurz beschreiben, wie der Alltag deutscher Ärzt*innen heute aussieht. Nahezu alle Ärzt*innen im deutschen Gesundheitssystem - und dabei ist es gleich, ob man über niedergelassene oder Klinikärzt*innen spricht - klagen über mangelnde Zeit für die sprechende Medizin, also die Kommunikation mit ihren Patient*innen.

Der durchschnittliche Arzt-Patienten-Kontakt dauert z.B. beim Hausarzt oder der Hausärzt*in 7 Minuten. Diese werden fast vollständig für Anamnese, Untersuchung, Verschreibung und Dokumentationspflichten etc. benötigt und es bleibt viel zu wenig Zeit, sich mit den Patient*innen über seine Erkrankung selbst, deren Ursachen, Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten zu unterhalten und v.a. darüber, was die Patient*innen selbst tun können, um ihre Erkrankung aufzuhalten. 

Hier kommt nun medicstream ins Spiel. Das vertrauensvolle Gespräch zwischen Ärzt*innen und Patient*innen können und wollen wir nicht ersetzen, ABER grundlegende Informationen zu Krankheit, Risiken und Therapie können wir bieten. 

medicstream versetzt Ärzt*innen in die Lage, diese Basisinformation quasi outzusourcen, indem in nur wenigen Sekunden ein Infozept erstellt und dies per Mail (oder in Papierform) den Patient*innen zur Verfügung gestellt wird. Die Patient*innen müssen nur noch den Links folgen und können sich die Clips anschauen, die der Arzt bzw. die Ärztin ausgewählt hat. Darüber hinaus besteht für Ärzt*innen die Möglichkeit, jedes Video mit einem individuellen Intro der eigenen Praxis und bei größeren Institutionen sogar ein arztindividuelles Intro vorzuschalten. Dies hat den großen Vorteil, dass die Patient*innen immer wissen, dass diese Information von seinem Arzt oder seiner Ärztin empfohlen wurde - ein maßgeblicher Unterschied zu den Informationen, die man sonst im Internet selbst findet.

Worin bestehen für Ärzt*innen die Schwierigkeiten, den Patient*innen die von euch aufbereiteten Informationen bereits während des Behandlungsgespräches zu vermitteln?

Daniel: Zum einen ist es, wie schon erwähnt, die fehlende Zeit, um teils komplexe Zusammenhänge kurz und knapp zu erklären und dies auch noch so, dass die Patient*innen sie verstehen. Ein weiteres Problem ist die Aufnahmefähigkeit der Patient*innen. Gerade im Falle einer ernsthaften Diagnose ist der Mensch nicht in der Lage, weitere Informationen zu verarbeiten. Daher können die Ärzt*innen in diesem Moment noch so gut erklären, es kommt nur zu einem Bruchteil an. Über unseren medicstream-Service haben die Ärzt*innen nun die Möglichkeit, den Patient*innen diese Informationen mitzugeben, so dass sie sich in Ruhe zeit- und ortsungebunden damit befassen können und wenn gewünscht, auch Angehörige mit einbeziehen können.

Wie erhalten die Patient*innen Zugriff auf die Videoclips? Benötigen diese besondere technische Kenntnisse oder eine spezielle Software?

Daniel: Nein, der Zugriff ist denkbar einfach. Patient*innen erhalten vom Arzt bzw. der Ärztin oder der Praxis eine E-Mail, genannt »Infozept«, mit Links, die direkt zu den »verschriebenen« Videoclips führen. Außer einer Mailadresse, einem internetfähigen Gerät und einem Browser in der aktuellen Version wird keine weitere Hard- oder Software benötigt.

Will der Patient bzw. die Patientin die private Mailadresse nicht weitergeben, können Ärzt*innen auch ein Infozept drucken. Auf diesem finden die Patient*innen die Links ebenfalls, müssen diese aber händisch eingeben oder nutzen einfach den QR-Code und kommen dann ebenfalls zum entsprechenden Clip.

Wie geht ihr mit dem Thema Datenschutz um? Werden sensible Patient*innen-Daten bei euch gespeichert oder für euren Service verwendet?

Daniel: Datenschutz war für uns von Anfang ein wichtiges und sensibles Thema. Wir haben die Plattform daher so konzipiert, dass wir für den Versand der Infos mit einem Minimum an Daten auskommen. Beim Versand des Infozepts als E-Mail benötigen die Ärzt*innen nur die Mailadresse der Patient*innen. Diese wird unmittelbar nach Versand in unserem System unwiederbringlich gelöscht. Die Ärzt*innen haben darüber hinaus keine Möglichkeit, individuelle Patientendaten in die Mail einzufügen oder bei uns im System einzutragen, da wir mit Standardtexten arbeiten, die die Ärzt*innen zwar bei der Konfiguration des eigenen Accounts selbst formulieren, aber nicht selbst ändern können.

Die datensparsamste Version des Versands ist das ausgedruckte Infozept. Dabei muss der Arzt bzw. die Ärztin nur die Clips festlegen, die »verschrieben« werden sollen. Das System erstellt daraus ein Infozept als Ausdruck, welches gar keine Patienteninformationen enthält. Wir tracken auch keine Daten, die Rückschlüsse auf einzelne Personen geben können. Wir zählen lediglich die Views, damit wir unseren Kund*innen zeigen können, wie oft die versendeten Videos geklickt worden sind.

Für welche medizinischen Fachbereiche bzw. Themen stehen bereits Videoclips zur Verfügung? Sollen in Zukunft noch weitere Fachbereiche hinzukommen?

Daniel: Für den Start haben wir uns auf das weite Feld der kardiovaskulären Themen konzentriert, was auch daran liegt, dass wir unseren Service mit den umfangreichen Inhalten unseres Mitgründers Stefan Waller gestartet haben. Stefan ist seit mehreren Jahren als »Dr. Heart« auf YouTube und mit eigener Homepage aktiv und verfügt daher über einen großen Fundus an Videomaterial, das wir für die Plattform nochmal separat aufgearbeitet bzw. sogar neu gedreht haben.

Wir sind auch schon in der Planung bezüglich weiterer Krankheitsbilder. Vor allem Themen wie Muskel- und Skeletterkrankungen und hier vor allem Rückenschmerzen werden von unseren Kund*innen nachgefragt. Des Weiteren sehen wir unterstützende Informationen für geplante Eingriffe als interessantes Feld für Krankenhäuser. Hier müssen wir allerdings betonen, dass wir dies nicht als Ersatz, sondern als zusätzlichen Service bei der vorgeschriebenen Aufklärung sehen. Wie schon oben erwähnt, und dies ist uns wirklich sehr wichtig: Wir wollen das Arztgespräch nicht ersetzen, sondern sinnvoll und zeitsparend für die Ärzt*innen ergänzen, so dass sie sich auf die individuellen Belange der Patient*innen konzentrieren können.

Produziert ihr die Videoclips alle selbst oder arbeitet ihr dafür mit externen Partner*innen zusammen?

Daniel: Aktuell stammen noch alle Clips von Stefan. Für weitere Krankheitsbilder wollen wir aber auch mit externen Partner*innen zusammenarbeiten. Hohes Interesse hätten wir daran, mit Patientenorganisationen, Fach- oder Berufsverbänden zu arbeiten. Wir gehen mit größter Sorgfalt bei der Erstellung unserer Inhalte vor und recherchieren intensiv, aber wir sehen in einer Zusammenarbeit mit den genannten Organisationen einen zusätzlichen Vorteil für die Ärzt*innen und Patient*innen, da sie das Vertrauen in die Informationen noch weiter erhöhen.

Nach dem erbrachten Proof of Concept planen wir als nächsten Schritt, Investoren zu suchen, damit wir möglichst schnell ins Marketing investieren und auch das Thema Content selbständig angehen können.

Wie ist die Idee zur Gründung von medicstream entstanden und was waren die ersten konkreten Schritte zur Umsetzung eurer Geschäftsidee in die Realität?

Daniel: Stefan macht schon seit einigen Jahren über seinen YouTube-Kanal bzw. seine »Dr. Heart Academy« Aufklärungsvideos zu kardiovaskulären Themen und gesundem Lifestyle. Nun ist das Internet und insbesondere YouTube voll von Information zum Thema Gesundheit und der medizinische Laie steht vor der Herausforderung, gute von schlechten Informationen zu unterscheiden. Unsere Überlegung war es, diesen Prozess ganz anders anzugehen und den Ärzt*innen die Möglichkeit zu geben, selbst Informationen über das Internet zu versenden und dies so vorsortiert, dass die Patient*innen genau die passenden Informationen bekommen und das von einer Vertrauensperson - dem eigenen Arzt bzw. der eigenen Ärztin. 

Die ersten Schritte bei der Gründung bestanden in der genauen Prozessbeschreibung, also welche Schritte Ärzt*innen machen müssen, um die Informationen zu verschicken. Hier hat es uns natürlich sehr geholfen, dass wir zwei Ärzte im Gründerteam haben. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, den Prozess so einfach und intuitiv wie möglich zu gestalten und das ist uns, wenn man unseren Kund*innen glauben darf, gut gelungen.

Im zweiten Schritt mussten wir die technische Infrastruktur aufbauen. Dies beinhaltet die eigene Streaming-Lösung sowie die Programmierung einer recht komplexen Datenbank, die uns vielfältige Möglichkeiten für die User*innen ermöglicht, wie z.B. individuelle Ansichten oder die Zuschaltung individueller Intros oder Outros zu jedem versendeten Videoclip.

Im dritten Schritt haben wir dann Testphasen mit niedergelassenen Ärzt*innen durchgeführt, die, und darauf sind wir sehr stolz, dazu geführt haben, dass bis jetzt alle Tester*innen unseren Service weiterhin nutzen. Wir hatten auch das Glück, dass eine der Testphasen von einer Masterarbeit begleitet wurde, im Rahmen derer 100 Patient*innen anonym zu dieser Art der Patientenaufklärung befragt wurden. Die Ergebnisse haben uns ein weiteres Mal bestätigt, dass wir mit unserem Ansatz richtig liegen.

Seit Anfang September sind wir nun mit medicstream online und sprechen weitere potentielle Kund*innen an. Neben niedergelassenen Ärzt*innen haben wir dabei auch Krankenhäuser und Krankenkassen im Blick, die unseren Service ebenfalls nutzen können.

Wer steckt eigentlich hinter medicstream? Welchen fachlichen Hintergrund bringt das Gründerteam mit?

Daniel: Wie schon erwähnt sind wir ein Viererteam bestehend aus zwei Ärzten, unserem IT-ler sowie einem Generalisten mit viel Erfahrung im Projektmanagement und Gesundheitswesen.

Stefan ist Internist und Kardiologe und hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch laiengerechte Aufklärung ohne Fachtermini oder erhobenen Zeigefinger Patient*innen in die Lage zu versetzen, ihre Erkrankung zu verstehen und bestmöglich auf deren Verlauf Einfluss zu nehmen. In dieser Mission produziert er mit großem Erfolg unter dem Alias »Dr. Heart« seit 5 Jahren leicht verständliche Videoclips.

Johannes ist der Informatiker im Team und verantwortet bei medicstream die Technik und die Entwicklung. Bereits während seines Studiums hat er sich mit der Anwendung von Informationstechnik im medizinischen Kontext beschäftigt. 

Bernd ist der Generalist im Team und bringt durch seine langjährige Tätigkeit im Gesundheitswesen, davon mehr als sieben Jahre als Projektmanager, ein profundes Wissen mit, wie ein solches Projekt koordiniert werden muss.

Ich, Daniel, bin ebenfalls Arzt und bin dieses Jahr mit dem Studium fertig geworden. Ich mache gerade meine Weiterbildung in der Klinik, habe aber darüber hinaus schon während meines Studiums Erfahrung als Praxismanager einer großen Dialysepraxis sammeln können.

Was war bisher eure größte Herausforderung bei der Gründung eures Unternehmens und wie habt ihr diese gemeistert?

Daniel: Da gab es einige, aber wirklich schwierig war die Tatsache, dass wir geographisch relativ weit auseinander wohnen. Stefan wohnt und arbeitet in Berlin, Johannes und Daniel wohnen in Unna und Umgebung und Bernd in der Nähe von Köln. Das heißt, wir müssen sehr gut und fokussiert kommunizieren. Bis auf Johannes arbeiten auch alle noch in ihren Jobs, so dass der Zeitfaktor hier auch eine Rolle spielt. Wir haben unsere Kommunikationskultur aber gefunden und schaffen es jetzt, dass alle wichtigen Punkte in kurzen Meetings geklärt werden. Wir sehen die unterschiedlichen Wohnorte jetzt sogar als Stärke, da jeder von uns in einem anderen Startup-Biotop präsent ist und vor Ort die Vernetzung vorantreiben kann. 

Und zu guter Letzt: Für welche Prozesse bestehen aus eurer Sicht  - neben der Patienten-Kommunikation - im Bereich E-Health besonders große Potenziale für eine Digitalisierung?

Daniel: Im Gegensatz zu vielen Kolleg*innen, die der Digitalisierung eher kritisch gegenüberstehenden, sehen wir gerade auch im Gesundheitssystem gigantische Chancen, die Patientenversorgung zu verbessern, effizienter zu machen und somit letztlich einen Mehrwert für alle zu schaffen. Neben dem großen Feld der digitalen Patientenedukation, in dem wir uns ja bewegen, sind auch in den Bereichen Diagnostik und Therapieunterstützung disruptive Veränderungen und Verbesserungen zu erwarten, die wie ja z.T. sogar heute schon erleben.

Mittels kluger digitaler Sensorsysteme sowie deren intelligenter Analyse und Auswertung mittels AI wird sich unser Gesundheitssystem von einer aktuell sporadischen und reaktiven Funktionsweise (sprich die Patient*innen geht mal zum Arzt/zur Ärztin, wenn es bereits weh tut,) hin entwickeln zu einem kontinuierlichen, proaktiven System: Durch AI-gestütztes  Monitoring von gesundheitsrelevanten Daten und Vitalparametern werden Krankheiten bzw. Funktionsstörungen bereits zu einem frühen Zeitpunkt entdeckt, an dem Gegenmaßnahmen und Therapien noch wirklich greifen können.



Neugierig geworden? Hier geht's lang zur Website von medicstream.


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