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Interview mit Sebastian Pitzler von »InsurLab Germany«

Das InsurLab Germany gibt Starthilfe für InsurTechs: »Die Branche will sich verändern und wartet nur auf passende Ideen von kreativen Köpfen.«

von Charlotte Clarke, 10. Oktober 2019 07:09
Die Versicherungsbranche steht vor großen Umwälzungen: Die Digitalisierung hat auch in diesem einst traditionellen Sektor Einzug gefunden und wird von innovativen, jungen Startups aufgemischt. Für InsurTechs bietet das Kölner »InsurLab Germany« eine große Bandbreite an Unterstützungsangeboten, u.a. ein Accelerator-Programm sowie ein wertvolles Netzwerk. Sebastian Pitzler, Managing Director des InsurLab Germany, gibt im Interview spannende Einblicke in die InsurTech-Branche.

Ziel des InsurLab Germany ist es, die Digitalisierung der deutschen Versicherungsbranche voranzutreiben und Innovationen in der InsurTech-Branche zu fördern. Welche Aktivitäten führt ihr dafür durch?

Sebastian Pitzler: Unser Hauptanliegen ist es, die Digitalisierung der Branche durch die intensive Vernetzung mit Startups voranzutreiben und sie bei der gemeinsamen Projektentwicklung zu unterstützen. In Form von Events, Workshops, einem Accelerator-Programm, unserem Campus und einem »Match-Making« bieten wir ein breit gefächertes Angebot. Durch die verschiedenen Formate haben Versicherer und Gründer*innen die Möglichkeit in einen aktiven Austausch zu treten, sich weiterzubilden und eine konkrete Förderung potenzieller Partnerschaften und Projekte zu erhalten. Somit wird Versicherern und Gründer*innen Raum geboten, um sich kreativ entfalten und an marktfähigen Konzepten und Prototypen arbeiten zu können. 

Welche konkreten Angebote habt ihr für InsurTech Startups?

Sebastian: Neben unseren Workshops und Events bieten wir InsurTech Startups unser Accelerator-Programm an. Durch das Programm bekommen Gründer*innen mit bahnbrechenden Ideen die einzigartige Chance, ihre Produkte und Geschäftsmodelle vorzustellen. Das abwechslungsreiche Programm konzentriert sich auf die individuellen Potenziale der ausgewählten Startups. Für sechs Monate werden die Gründer*innen von individuellen Mentor*innen aus dem Top-Management unserer Mitgliedsunternehmen und Branchenexpert*innen begleitet. Zudem erhalten sie Zugang zu unserem breiten Netzwerk, speziellen Workshops und Seminarprogrammen sowie Arbeitsplätzen auf unserem InsurLab Germany Campus in Köln.

Pro Jahr findet eine Accelerator-Runde statt. Aktuell gehören 16 Startups dem Programm an. Beim großen »Demo Day« am 7. November 2019 stellen die Startups unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit die Ergebnisse des Programms vor. 

Aber nicht nur Accelerator-Startups profitieren von unserem Angebot. Wir stehen allen Startups, die mit ihren Produkten die Versicherungsbranche weiterbringen können, offen gegenüber und heißen sie in unserem Netzwerk herzlich willkommen – natürlich komplett kostenfrei. Sie erhalten Zugang zu unseren Netzwerk-Veranstaltungen, die nicht selten der Startschuss für ein Projekt mit einem unserer Mitgliedsunternehmen bedeuten. Zudem werden sie für das individuelle »Match-Making« in Betracht gezogen, profitieren von Rabatten auf wichtigen Branchenveranstaltungen und sind offiziell Teil der »Digital Hub Initiative« des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, der wir als offizieller InsurTech Standort angehören.

Welche Voraussetzungen müssen Startups erfüllen, um an eurem Accelerator-Programm teilnehmen zu können?

Sebastian: Das Accelerator-Programm setzt sich aus zwei Kategorien, »Start« und »Growth« zusammen, in denen unterschiedliche Kriterien erfüllt werden müssen, um sich für das Programm zu qualifizieren. 

Zu der Kategorie »Start« gehören junge Startups, die ein gutes Marktverständnis haben, ein Geschäftsmodell und mindestens ein »Minimal Viable Product« (MVP) vorweisen können. Zudem sollte das Startup idealerweise nicht älter als 1 Jahr seit dem Gründungsdatum sein. Eine weitere wichtige Grundvoraussetzung ist, dass das Startup innerhalb der deutschen Versicherungswirtschaft arbeiten möchte. Ziel ist es, ein skalierbares Produkt oder eine Dienstleistung zu validieren und das Geschäftsmodell für ein erstes »Proof of Concept« (PoC) vorzubereiten. 

In der Kategorie »Growth« müssen Startups bereits mindestens ein Produkt oder eine Dienstleistung auf dem Markt haben, welches für die Versicherungsindustrie interessant ist und den Wunsch hegen, dieses in Deutschland zu skalieren. Ebenfalls muss auch in dieser Kategorie ein validiertes Geschäftsmodell der Gründer*innen vorliegen und das Startup sollte idealerweise nicht älter als 1-5 Jahre seit der Gründung sein. Ziel ist es, dass die Gründer*innen in Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedsunternehmen und Partner*innen Unterstützung bei der Skalierung ihres Unternehmens bekommen.

Vor etwa 2-3 Jahren explodierte in Deutschland regelrecht die Anzahl an Neugründungen im Bereich InsurTech. Was waren die Ursachen für diesen Trend? Was macht die Versicherungsbranche für digitale Innovationen so attraktiv?

Sebastian: Während im Handel oder der Medienbranche die Digitalisierung schon lange Einzug gefunden hat, steht die Versicherungsbranche noch ganz am Anfang und muss sich neu erfinden. Da es sich um eine sehr traditionelle Branche handelt, die im Vergleich zu den eben genannten auch Hürden wie Regulatorik und strenge Datensicherheitsbestimmungen nehmen muss, gestaltet sich der Wandel dort langsamer und schwieriger. Startups helfen hier enorm, neue Denkweisen zu entwickeln und mit Hilfe von neuen Technologien die Hürden elegant zu nehmen.

Des Weiteren bietet die Versicherungsbranche ein hohes Innovationspotenzial, da sie gerade in Bezug auf die Kundenkommunikation noch viele Wünsche offenlässt. Kund*innen möchten auch bei ihrer Versicherung einen schnellen, einfachen und vertrauensvollen Service. Viele Startups setzen genau hier an und treffen damit den Zahn der Zeit.

Als dritten Punkt sei die Datenvielfalt zu nennen. Für Tech-Profis stellt die Versicherungsbranche ein Daten-Mekka dar. Gerade Technologien wie Künstliche Intelligenz brauchen viele Daten, um verlässlich zu funktionieren und trainiert werden zu können. Versicherer verfügen über Unmengen an Daten, die – richtig aufbereiten – ideal für den Einsatz und die Weiterentwicklung solcher Technologien sind. Das macht die Branche natürlich ebenfalls sehr attraktiv für Startups.   

Dieser Trend scheint sich mittlerweile etwas abgekühlt zu haben, nun muss sich zeigen, welche Startups sich am Markt behaupten können. Was sind Ihrer Erfahrung nach die wichtigsten Erfolgsfaktoren, um im InsurTech-Sektor langfristig erfolgreich zu sein?

Sebastian: Einer der wichtigsten Faktoren ist es, Vertrauen aufzubauen – je nach Geschäftsmodell entweder direkt zu den Endkund*innen oder zu den Versicherern als Kooperationspartnern. Denn was sich zeigt, ist, dass vor allem Startups, die sich als Lösungsanbieter für Versicherer positionieren, ein höheres Erfolgspotenzial aufweisen. Zu Beginn wurden InsurTechs als klare Angreifer der traditionellen Versicherer betrachtet. Mittlerweile haben beide Seiten verstanden, dass sie es nur gemeinsam schaffen können, die Branche zu revolutionieren. Hiermit kommen wir auch zum zweiten Faktor: Es ist essentiell, die Sprache von Versicherern zu verstehen und sie als Freund zu betrachten. Der dritte Punkt lautet: Ein langer Atem! Startups in der Versicherungswirtschaft können von Verkaufszyklen von bis zu 2-3 Jahren ausgehen, was für viele Jungunternehmen den Todesstoß bedeuten kann. Diese finanziellen Herausforderungen müssen beachtet werden.  

In welchen Bereichen der Wertschöpfungskette ist der Bedarf nach Innovationen besonders groß bzw. an welchen Stellen haben sich die Kundenanforderungen verändert? Welche Technologien haben das Potential, die Branche zu revolutionieren?

Sebastian: Tatsächlich zieht sich die Digitalisierung und Startup-Einbindung durch alle Bereiche der Wertschöpfungskette. Die Kundenschnittstelle stellt jedoch einen sehr präsenten Innovationspunkt dar.

Wie bereits erwähnt, erwarten Kund*innen heute einen schnellen, einfachen und verlässlichen Service. Wir sind es in unserem Alltag gewohnt, mit wenigen Klicks zu bekommen, was wir wollen. In der Versicherungsbranche sieht das jedoch noch ganz anders aus: Papierstapel, lange Wartezeiten und wenig Vertrauen prägen die Beziehung zwischen Kund*in und Versicherer. Dies betrifft sowohl die Beratung als auch den Vertragsabschluss, die Schadensmeldung und anschließende Auszahlung. Genau hier setzen viele Startups an und unterstützen Versicherer dabei, die Kundenbegegnung zu optimieren. Chatbots, Schadensmeldung per Video und künstliche Intelligenz als Entscheidungshilfe sind hier nur einige Stichworte, die die Branche verändern. 

Bezüglich der Technologien werden wir zukünftig noch viel von künstlicher Intelligenz, Blockchain und dem Internet der Dinge hören. Alle drei Technologien haben bereits Einzug in die Branche gefunden und beweisen sich nachhaltig. Ich bin überzeugt, dass wir hier in den nächsten Jahren noch einige Überraschungen erwarten dürfen.

Wie reagieren die großen, etablierten Versicherungskonzerne auf die teilweise disruptiven Innovationen, die von jungen Unternehmen vorangetrieben werden? Werden die »Big Player« langfristig abgehängt oder profitieren sie vom Wandel innerhalb der Branche?

Sebastian: Zunächst war die Angst groß, dass sich die »jungen Wilden« gegen die etablierten Versicherer stellen und eine existenzielle Gefahr darstellen. Mittlerweile haben aber beide Seiten verstanden, dass sie miteinander viel mehr erreichen können als alleine.

Neuartige, innovative Ideen und Produkte sind nur möglich, wenn beide Seiten ihre Stärken in kollaborative Projekte einbringen. Sowohl Startups als auch Versicherungen können von der gemeinsamen Arbeit nur profitieren. Startups haben, neben dem Gewinn eines neuen Referenzkunden, die Chance mit realen Daten zu arbeiten und auf Basis der Zusammenarbeit ihr Geschäft zu skalieren. Zudem lernen sie mit Herausforderungen wie Compliance-Richtlinien, Security-Anforderungen und Einkaufsprozessen in der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen umzugehen.

Versicherer hingegen profitieren zum einen natürlich von neuen Technologien und Produktinnovationen, die sie ihren Kund*innen anbieten können, zum anderen aber auch von den tiefen Einblicken in die agilen Arbeitsprozesse der Startups sowie deren Experimentierfreudigkeit in der Produktentwicklung. Es handelt sich um eine gegenseitige Win-Win-Situation, denn ohne die Einbindung digitaler Innovationen werden es klassische Versicherer zukünftig schwer haben, gegen Riesen wie Google und Amazon zu bestehen, die immer mehr Märkte für sich erschließen. InsurTech Startups erlangen nur durch reale Kundenprojekte die nötige Marktreife, um dauerhaft bestehen und erfolgreich werden zu können.

Am 21. und 22. April 2020 findet in Köln zum ersten Mal die Messe »insureNXT|CGN« statt, die u.a. vom InsurLab organisiert wird. An welche Zielgruppen richtet sich die Messe und auf welches Programm dürfen sich die Besucher*innen freuen?

Sebastian: Die »insureNXT|CGN« ist eine neue Kooperation zwischen der Koelnmesse und dem InsurLab Germany. Ziel dieser Kooperation soll es sein, die Digitalisierung der Versicherungswirtschaft ganzheitlich zu betrachten und die InsurTech-Zukunft der Branche zu gestalten. Das neue Messeformat bietet Komplettlösungen für die Versicherungswirtschaft und bildet die gesamte Wertschöpfungskette inklusive vor- und nachgelagerter Industrien ab. Im Fokus der zweitägigen Veranstaltung stehen die Themen »Insurance Technology« und »Digital Transformation« aus Versicherer- und Startup-Perspektive. Cross-industrielle Ansätze sowie die Einbindung eines akademischen und karrierespezifischen Konferenzstranges runden die Veranstaltung ab. In dieser Vollständigkeit ist die Kongressmesse einzigartig und bietet den Teilnehmer*innen unzählige Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und an neue Projekte heranzugehen.

Das InsurLab Germany ist Teil der »Digital Hub Initiative«. Was hat es mit diesem Projekt auf sich? Warum wurde gerade Köln als Standort für den Schwerpunkt InsurTech ausgewählt?

Sebastian: Um die branchenübergreifende Vernetzung von Startups, Wirtschaft und Wissenschaft zu stärken, wurde 2017 vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die »Digital Hub Initiative« (de:hub Initiative) ins Leben gerufen. 16 Städte zeichnete das BMWi als offizielle Kompetenzstandorte – sogenannte »de:hubs« – aus, die jeweils für einen von 12 wichtigen Wirtschafts- und Entwicklungsbereichen in Deutschland stehen. Das InsurLab Germany wurde als offizieller Digital Hub »InsurTech« ausgezeichnet und steht im Namen der Initiative für die Vernetzung und Digitalisierung der Versicherungswirtschaft in Köln und Deutschland. Unter anderem wurde Köln ausgesucht, da die Region ein Ballungsgebiet für Versicherungsunternehmen darstellt. Kaum ein anderer Standort verfügt über eine derart breit aufgestellte Versicherungsinfrastruktur: 25 Prozent der im Versicherungswesen tätigen Personen – etwa 77.000 - arbeiten in NRW. Von rund 670 Versicherungsunternehmen deutschlandweit haben circa 20 Prozent ihren Sitz in Köln, das entspricht mehr als 70 Unternehmen. Und nicht nur das: Auch historisch gesehen war die erste weltweite Versicherung in Köln angesiedelt. 

Die »de:hub« Initiative vereint bereits über 1.000 Partner, darunter allein 500 Startups und 200 internationale Konzerne. Neben unterschiedlichen Kommunikationsmaßnahmen zur Stärkung des Austauschs zwischen den Hubs, organisiert die Initiative regelmäßige Netzwerktreffen und verbindet somit zum einen die Kompetenzen der einzelnen Hubs und fördert branchenübergreifende Kooperationen Deutschlandweit. Des Weiteren bieten sie eine Plattform für den direkten Austausch zwischen den Hubs und der deutschen Regierung, um gemeinsam ein digitales Deutschland zu schaffen.

Und zu guter Letzt: Welche Tipps könnt ihr Gründer*innen, die den Einstieg in die InsurTech-Branche wagen wollen, mit auf den Weg geben?

Sebastian: 

1)   Traut euch! Die Branche will sich verändern und wartet nur auf passende Ideen von kreativen Köpfen. Wagt euch lieber mit einem noch nicht ausgereiften Geschäftsmodell ins Feld, als auf Perfektion zu warten. Arbeitet gemeinsam mit Expert*innen und potenziellen Kund*innen an euren Ideen.

2)   Nutzt zudem die Chance, euch mit Hubs wie dem InsurLab Germany auszutauschen und eure Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Accelerator-Programme bringen euch und eure Ideen schnell in die richtige Richtung.

3)   Vernetzt euch! Es gibt eine Vielzahl an Veranstaltungen für Startups und auch InsurTechs im Speziellen, die euch die nötigen Kontakte und Inspirationen für eine erfolgreiche Zukunft geben.

Du möchtest mehr über die Angebote für InsurTechs erfahren? Hier geht es lang zur Website des InsurLab Germany.

Weitere Inkubatoren, Accelerator-Programme und Events für rheinländische Digital Startups findest du in unserem Artikel »Acceleratoren, Inkubatoren, Wettbewerbe und Events für digitale Startups: Mit diesem Programmen nimmt deine Geschäftsidee richtig fahrt auf!«


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