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Interview mit Konrad Gutkowski und Felix Hartelt von »Coding da Vinci«

Coding trifft Kultur: Beim Kultur-Hackathon »Coding da Vinci« werden digitale Schätze aus dem Archiv ins öffentliche Licht geholt

von Charlotte Clarke, 30. Oktober 2019 06:49
Von wegen staubige Archive - viele Museen und andere Kultureinrichtungen digitalisieren bereits ihre Schätze. Doch wie können diese einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden? Beim Kultur-Hackathon »Coding da Vinci« dürfen sich Programmierer*innen mit offenen digitalen Kulturdaten kreativ austoben. Das Ergebnis: Spannende Apps, Websites oder AR-Anwendungen, die Geschichte und Kunst ganz neu erlebbar machen. Mehr dazu im Interview mit Konrad Gutkowski und Felix Hartelt, Projektkoordinatoren von »Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet«.

Bei »Coding da Vinci (CdV)« handelt es sich um einen »Kultur-Hackathon«. Welches Konzept steckt konkret dahinter?

Konrad Gutkowski und Felix Hartelt: Der CdV Kultur-Hackathon stellt Datensätze von Kulturinstitutionen in den Mittelpunkt. Er findet nicht wie klassische Hackathons nur an einem Wochenende statt, sondern beginnt mit einem Kick Off-Wochenende und hat dann eine Laufzeit von sechs bis acht Wochen in der sogenannten »Sprintphase«. Abschließend werden die spannendsten Projekte von einer Jury bei der Preisverleihung am 06. Dezember im Dortmunder U in verschiedenen Kategorien ausgezeichnet.

Hinter dem Konzept des CdV Kultur-Hackathons steckt die Motivation, Kulturinstitutionen wie »GLAM’s (Galleries, Libraries, Archives & Museums)« mit kreativen Hacker*innen bzw. Coder*innen zu vernetzen und die Schaffung von offenen digitalen Kulturdaten sowie eine öffentliche Teilhabe zu unterstützen und sich der kreativen Mitgestaltung seitens des Publikums zu öffnen.

Könnt ihr Beispiele für konkrete Anwendungen nennen, die bei einem der vergangenen Hackathons entwickelt wurden und die dich besonders beeindruckt haben?

Konrad und Felix: Das Projekt »Berliner MauAR«, das im Rahmen des CdV Berlin 2017 entstand, macht mit Hilfe von Fotos und Texten der Stiftung Berliner Mauer die Absurdität der Teilung Berlins wieder erlebbar. Dafür hat das Projektteam eine mobile App geschrieben, welche durch Augmented Reality (AR), GPS-Lokalisierung und Cloud-Anbindung die Berliner Mauer wieder an den Originalorten erscheinen lässt und dazu historische Bilder der Mauer herunterlädt und dort im freien Feld positioniert, wo sie geschossen wurden. Man kann die Berliner Mauer vor sich sehen und um sie herumlaufen. Die Fotos zeigen, wie die Mauer aussah und wie sie sich über die Zeit veränderte. Bei einem Klick auf die Bilder erscheinen die Erklärungstexte der Stiftung Berliner Mauer im 3D-Raum und geben weitere Einblicke in die Geschichte Berlins.

Ein weiteres Projekt namens »Nachgeradelt.de« entstand im Zuge des CdV Ost 2018 und ist der Prototyp einer Webanwendung, mit der die Touren historischer, digitalisierter Tourenbücher für Radfahrer*innen ausprobiert und mit anderen Kulturdaten verknüpft werden können. Das Projektteam sammelte alle digitalisierten Touren im Umfeld von Leipzig zwischen 1880 und 1930, um eine ausgewählte Strecke testweise zu befahren und Stationen entlang des Weges digital mit Details und Zusatzinformationen anzureichern.

Welche Voraussetzungen müssen Programmierer*innen erfüllen, die sich bei »Coding Da Vinci« kreativ austoben wollen? Wie genau läuft die Teilnahme ab und wer entscheidet über die Gewinner-Projekte?

Konrad und Felix: Jede*r darf sich kreativ austoben! Die Programmier*innen sollten Interesse an Arbeit mit offenen Kulturdaten haben. Auf der CdV-Webseite können die Coder*innen im Vorfeld des Kick Offs bereits in die zur Verfügung gestellten Datensätze der Kulturinstitutionen Einsicht nehmen und sich dann entscheiden, ob sie sich für eine Teilnahme am CdV anmelden. Am Kick Off-Wochenende stellen die Datengeber*innen ihre Datensätze vor. Anschließend können sich die Coder*innen Datensätze aussuchen, mit denen sie arbeiten möchten, Ideen entwickeln, in persönlichen Kontakt mit den Datengeber*innen treten und Arbeitsgruppen für die Umsetzung bilden. Die Teilnahme an bereits bestehenden Projekten und die Einreichung neuer Projektideen ist auch ohne Teilnahme am Kick Off weiterhin möglich. Danach haben die Teilnehmer*innen acht Wochen Zeit die Projekte in der »Sprintphase« weiterzuentwickeln. 

Dafür stellen wir ihnen an verschiedenen Orten unserer assoziierten Partner, wie dem FabLab in Münster oder der Akademie für Theater und Digitalität, Räumlichkeiten bereit, in denen sie gemeinsam arbeiten können. Abschließend werden die Projektergebnisse eingereicht und im Rahmen einer Preisverleihung am 06. Dezember im Dortmunder U von einer Jury in verschiedenen Kategorien wie z.B. »most useful« oder »best design« ausgezeichnet. Die Jury setzt sich aus Vertreter*innen des Gründerteams, der Kulturstiftung des Bundes sowie aus der kulturschaffenden-, akademischen und Programmiererszene zusammen. In der Kategorie »everybody’s darling« entscheidet das Publikum.

Welche Vorteile haben die Kulturinstitutionen von der Zusammenarbeit mit den digitalaffinen Teilnehmenden?

Konrad und Felix: Vertreter*innen der Kulturinstitutionen und Programmierer*innen lernen sich in der Zusammenarbeit kennen und lernen voneinander. Die Kulturinstitutionen bieten die Möglichkeit zur öffentlichen Partizipation, bieten Raum für neue kreative Ideen und Projekte mit Kulturdaten und gehen somit aktiv auf ihr Publikum zu. Die beteiligten Häuser profitieren von der Offenlegung ihrer Daten insofern, als dass sie für ihre künftige Arbeit mit (digitalen) Kulturgütern neue Impulse setzen und erhalten.

Im Zuge der Aufbereitung der Daten und der Zusammenarbeit mit den Programmierer*innen sammeln die Kulturinstitutionen Erfahrungen im Umgang mit ihren digitalen Daten und den damit verbundenen Aufgaben der Digitalisierung und Offenlegung der Daten (Stichworte: Standardformate, Lizensierung). Zudem fördert die Zusammenarbeit eine Vernetzung zwischen den Kulturinstitutionen, die Synergien der Digitalisierung hervorrufen können. Die Kreativen erschaffen zudem eine spannende Verbindung von Datensätzen verschiedener Kulturinstitutionen und darüber hinaus. Nicht zuletzt entstehen beim CdV nicht selten auch Ideen und Umsetzungen, welche wiederum von und in den Kulturinstitutionen genutzt werden können.

Welche Organisationen stecken hinter dem Projekt »Coding da Vinci«?

Konrad und Felix: CdV ist ein Gemeinschaftsprojekt der Deutschen Digitalen Bibliothek, des Forschungs- und Kompetenzzentrums Digitalisierung (digiS), der Open Knowledge Foundation Deutschland und Wikimedia Deutschland e.V..

Der aktuelle Hackathon findet gerade im Ruhrgebiet statt, am 06. Dezember erfolgt dann anschließend in Dortmund die offizielle Preisverleihung für die besten Projekte. Welche Kultureinrichtungen machen dieses Mal mit und welche Art von Daten haben sie freigegeben?

Konrad und Felix: Der Hackathon findet nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in anderen Regionen Westfalens statt. Es beteiligen sich 23 »GLAM’s«, unter anderem das Bibelmuseum Münster, das Freilichtmuseum Hagen und das Archiv der behindertenpolitischen Selbsthilfe. Eine vollständige Auflistung der Datengeber*innen ist auf unserer Website unter dem Reiter »Westfalen-Ruhrgebiet 2019« zu finden. 

Die Bandbreite der Daten umfasst Audio-, Video- und Bilddaten, 3D-Scans sowie die dazugehörigen Metadaten zur Kontextualisierung. Diese reichen von digitalisierten historischen Bibeln über Industrieklänge bis hin zu Digitalisaten von berühmten Kunstwerken. Unter dem o.a. Link kann man sich über die Datengeber*innen und Ihre Datensätze informieren und sich auch nach dem Kick Off noch am CdV Kulturhackathon beteiligen.

Wie freigiebig sind deutsche Kulturinstitutionen mit ihren digitalen Daten? Wie schwierig war es, sie davon zu überzeugen, diese Informationen zur Verfügung zu stellen und welche Bedenken bestehen gegenüber einer Freigabe?

Konrad und Felix: Deutsche Kulturinstitutionen sind unserer Meinung nach grundsätzlich freigiebig mit ihren Daten. Dies zeigt auch die Bereitschaft von 23 Kulturinstitutionen, ihre Daten frei zur Verfügung zu stellen. Im Raum steht jedoch oftmals die Frage nach den jeweiligen Lizenzen zur Freigabe der Daten. Bedenken bestehen vereinzelt über eine Nutzung der Daten in (vermeintlich) „falschen“ Kontexten. Jedoch bedeutet eine Freigabe der Daten unserer Meinung nach auch eine freie Kontextualisierung, um der Kreativität freien Lauf zu lassen. Es besteht außerdem immer die Möglichkeit zur Verwendung der Daten durch Dritte Position zu beziehen.

Durch die Digitalisierung von Kulturdaten und Sammlungen wird es theoretisch einfacher, diese auch über »Coding da Vinci« hinaus für eine breite Öffentlichkeit nutzbar zu machen und z.B. auch Menschen zu erreichen, die normalerweise kein Museum besuchen würden. Wie könnte sich durch die Zunahme an »offenen Kulturdaten« der Umgang mit Kulturgütern in unserer Gesellschaft verändern?

Konrad und Felix: Kulturdaten sind immaterielle Kulturgüter. Wenn sie dem Publikum offen und frei zur Einsicht und Nutzung zur Verfügung stehen, sind sie leichter zugänglich und können in vielen Fällen auch auf analoge Kulturgüter verweisen, die ansonsten in Archiven oder Museumsdepots größtenteils verborgen blieben. Dies ist Teil des Bildungsauftrages von öffentlichen Kulturinstitutionen. Die Zunahme an offenen Kulturdaten erweitert das Angebot und die Weise, sich mit Kulturgut auseinanderzusetzen.

Die Bereiche kreative Technologieentwicklung und institutionelle Kulturbewahrung erscheinen ja oftmals sehr gegensätzlich. An welchen Stellen ist eurer Meinung nach das Potenzial für Synergien zwischen Digitalisierung und Kultureinrichtungen besonders groß? Wie könnte z.B. das Museum der Zukunft aussehen?

Konrad und Felix: Die kreative Technologieentwicklung und institutionelle Kulturbewahrung sind nicht so gegensätzlich, wie es vielleicht oftmals wirkt, denn im Zuge der digitalen Transformation ist sie ein Prozess, der in allen gesellschaftlichen und öffentlichen Einrichtungen im Querschnitt stattfindet und in diesem Fall in der Bewegung #OpenGLAM. 

Eine Facette des Museums der Zukunft ist, dass es sich durch die Nutzung und Gestaltung des digitalen Raumes seinem Publikum mehr öffnet. Durch die Digitalisierung werden Kulturgüter einer viel größeren Menschenmenge zugänglich gemacht. Diese können künftig den Prozess in den jeweiligen Häusern partizipativ und kreativ mitgestalten. Damit erreichen sie mit den (digitalen) Kulturgütern auch Menschen, die vielleicht sonst keine Museen (oder andere Kulturinstitutionen) besuchen und nutzen. GLAM’s sollten heute den Anspruch haben, ihre Häuser und Angebote sowohl analog als auch digital zu denken, zu gestalten und öffentliche Mitgestaltung zu ermöglichen. Durch die Schaffung digitaler Kulturdaten und ihrer breiten Zugänglichkeit legen die Kulturinstitutionen die Basis weiterer Angebote für das Publikum.

Bislang gibt es »Coding da Vinci« in den Regionen »Berlin«, »Nord«, »Ost«, »Süd« »Rhein-Main« und »Westfalen-Ruhrgebiet«. Ist in Zukunft eine Ausweitung des Projekts in weitere Städte und Regionen geplant?

Konrad und Felix: Es ist ein erklärtes Ziel von Coding da Vinci, noch weiter in die Regionen zu gehen. Dank der finanziellen Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes ist es möglich, dass bis Ende 2022 jährlich zwei regionale Hackathons stattfinden. Die nächsten Hackathons mit offenen Kulturdaten werden im Frühjahr 2020 in der Region SaarLorLux und im Herbst 2020 in Niedersachsen sein. Die Bewerbungsfristen für Veranstalterteams, die sich für eine Ausrichtung von Coding da Vinci in 2021 interessieren, laufen bereits. 

Lust, auf dem Hackathon deine Kreativität unter Beweis zu stellen? Alle Infos zu den teilnehmenden Regionen findest du auf der Website von »Coding da Vinci«. 

Kick Off-Termin verpasst? Kein Problem - ein Einstieg ist auch noch während der 6- bis 8-wöchigen »Sprintphase« möglich. 

Die nächste Preisverleihung und Ausstellung der Projektergebnisse des CdV Westfalen-Ruhrgebiet findet am 06. Dezember im Dortmunder U statt.


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