Newsletter abonnieren
New Work

Home is where your laptop is: Leben und arbeiten als »Digital Nomad«

von Robert Franzen, 16. August 2019 10:44
Die Welt bereisen, neue Orte, Kulturen und kulinarische Highlights entdecken und ganz nebenbei noch arbeiten - am besten in der Hängematte, irgendwo am Strand. Ausgebrochen aus dem 9-to-5-Hamsterrad arbeiten sie da, wo sie die Lust und Laune gerade hinverschlägt. So oder so ähnlich stellen sich die meisten Leute ein Leben als »Digital Nomad« vor. Doch so einfach ist es dann doch nicht. Was für viele einfach traumhaft klingt, kann auch mit großer Anstrengung und Einsamkeit verbunden sein. Zeit, einen realistischen Blick auf das Leben eines »Digital Nomads« zu werfen.

»Digital Nomads«, oder auch Digitale Nomad*innen, das sind meistens Freelancer*innen oder Unternehmer*innen, aber auch Festangestellte, die durch die moderne Telekommunikationstechnik und das Internet von überall aus der Welt arbeiten. Die meisten von ihnen kommen aus den westlichen Industrienationen (allen voran Europa und Nordamerika) und arbeiten in Berufen, die sich einfach am Laptop erledigen lassen können. Dazu gehören die meisten IT-Jobs, Online-Marketing, Texten und Übersetzungen, aber auch Grafikdesign, Consulting oder Trading. Diese Ortsunabhängigkeit nutzen sie dann, um die Welt zu bereisen und dort zu arbeiten, wo andere Leute Urlaub machen. Meistens bleiben sie ein bis zwei Monate oder eben so lange, wie sie visumfrei im Zielland verweilen dürfen. Dann geht es weiter zum nächsten Ort. 

Der Drang zur Freiheit

Dieser Drang zur Freiheit ist natürlich keine Neuerfindung der letzten Jahre, sondern entspricht der menschlichen Natur. Unsere Vorfahren machten es vor, als sie vor tausenden von Jahren, bevor der Menschen die Zivilisation entwickelte, als Jäger und Sammler durch die Wildnis streiften, immer der Nahrung und dem lebensfähigen Klima hinterher, ohne jemals wirklich sesshaft zu werden. Zum Teil tun dies viele indigene Völker mehr oder weniger noch heute. Dass sich dieses Bedürfnis jetzt auch bei uns wieder durchsetzt, ist also kein Wunder, sondern eher ein natürlicher Drang zurück zu unserem Ursprung. Viele Studien belegen, dass gerade die westliche Lebensweise eher schädlich für das menschliche Wohlbefinden ist, da der berufliche Alltag allgemein von Stress und Bewegungsmangel gekennzeichnet ist. Um diesem Teufelskreis zu entfliehen, zieht es viele in die Ferne. 

Nicht nur Hängematte

Nichtsdestotrotz kann das Leben als »Digital Nomad« alles andere als entspannt sein, denn diese vermeintliche Freiheit ist auch mit vielen Kompromissen und auch einigen Risiken verbunden. Auch wenn viele davon träumen, unabhängig und »frei nach Schnauze” zu leben, muss man sich diese Freiheit auch erst einmal leisten können. Nicht umsonst tummeln sich viele Nomads in Ländern wie Thailand, Vietnam oder auf Bali, denn dort gibt es neben dem warmen Klima, der exotischen Küche und den tollen Stränden vor allem aber auch niedrigere Lebensunterhaltungskosten. Dies kann vor allem am Anfang von Vorteil sein, weil man gerade als »Frischling« meistens noch nicht so viel verdient und sich erst noch eine finanzielle Basis schaffen muss. 

 

Der finanzielle Aspekt ist gerade für beginnende Selbstständige eine stetige Herausforderung. Damit einher gehen aber auch Versicherung und Altersvorsorge. Auch in diesem Bereich sollte man sich ausreichend Gedanken machen, wenn man den Schritt ins Digitale Nomadentum wagt. Selbst wenn die Rente noch weit weg scheint und man kerngesund ist - irgendwann verstaucht man sich beim Wandern vielleicht mal den Knöchel, verstimmt sich an der exotischen Küche den Magen oder fängt sich im schlimmsten Fall eine Tropenkrankheit ein. Auf solche Eventualitäten sollte man vorbereitet sein, sei es durch eine Versicherung im Heimatland mit Auslandsschutz oder genügend finanzielle Mittel für einen Krankenhausaufenthalt. Zusätzlich sollte man sich auch immer bewusst sein, dass die hygienischen und medizinischen Standards je nach Land teilweise sehr unterschiedlich sind. Daher sollte man sich vor der Einreise in bestimmte Länder also auf jeden Fall genau informieren. Ebenso sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man sich für das Alter absichert. Entweder zahlt man in die Rentenversicherungskasse im Heimatland ein oder man investiert in unterschiedliche Projekte und Fonds, die einem eventuell als Rentenersatz dienen können. 

Hat man dies getan und ist gut abgesichert, kann einem längeren Auslandsaufenthalt natürlich nichts im Wege stehen. In der Hängematte arbeiten aber entgegen des Klischees trotzdem die Wenigsten. Wenn man 5-8 Stunden pro Tag arbeiten muss, klappt das meist nicht in der Hängematte. Um sein Online-Business voranzutreiben, braucht man neben dem Internet auch noch Steckdosen, eventuell sogar Drucker oder ähnliches Equipment - und die gibt es natürlich nicht am Strand. Deshalb arbeiten viele Nomads auch in Coworking-Spaces, die neben diesen Annehmlichkeiten auch noch Klimaanlagen und Notstromaggregate bieten. Denn Strom- und damit auch Internetausfälle sind in den oben genannten Ländern keine Seltenheit. 

Coworking gegen Einsamkeit

Ein Coworking-Space kann neben den materiellen Annehmlichkeiten zusätzlich auch eine Community und ein Netzwerk bieten, denn ein anderer Nachteil an einem digitalen Nomadenleben ist die Einsamkeit. Da man meistens nie länger als zwei oder drei Monate an einem Ort verweilt, kann es sehr schwierig sein, langfristige Freundschaften aufzubauen bzw. diese dann auch aufrecht zu erhalten. Auch der Kontakt mit der Familie oder alten Freund*innen aus der Heimat kann sich als schwierig gestalten, weil einem oft die unterschiedlichen Zeitzonen in die Quere kommen. Damit man wenigstens ein bisschen in Kontakt mit anderen Leuten kommt, sind Coworking-Spaces ein idealer Ort. Auch wenn dort vielleicht nicht gerade tiefgehende Freundschaften entstehen, lassen sich doch interessante Kontakte knüpfen, die einem vielleicht sogar auch zu dem ein oder anderen Job verhelfen. Außerdem kann man sich auch gut mit Gleichgesinnten über Tipps und Tricks oder auch Reiseziele und bisher erlebte Erfahrungen unterhalten. 

Ein Digital Nomad zu sein, heißt also nicht unbedingt, dass man nicht mehr von 9 to 5 arbeiten muss, sondern eher, dass man dies nicht mehr in einem festen Büro machen muss und zwischendurch die Kulissen ändern kann. Arbeiten muss man natürlich trotzdem, am Anfang vielleicht sogar mehr als 8 Stunden - es sei denn, man ist nach einiger Zeit so erfolgreich, dass man gut von einem passiven Einkommen leben kann. Das ist aber bei den Wenigsten der Fall. 

Sein eigener Chef sein

Auf der anderen Seite lässt es sich natürlich besser in direkter Strandnähe arbeiten als in einer stickigen und/oder verregneten Großstadt. Und in der Mittagspause surfen zu gehen und einen Banana-Shake an der Strandbar zu schlürfen ist allemal angenehmer als irgendwo in der Großkantine zu hocken. Und gerade als Freelancer*in ist die größte Kehrseite auch gleichzeitig der größte Schatz: Man ist sein*e eigene*r Chef*in, bestimmt seinen eigenen Rhythmus und kann sich seine Arbeitszeit frei einteilen - und damit auch die Vorzüge seiner Reiseziele genießen. Dies verlangt natürlich auch eine hohe Selbstdisziplin, denn ab und zu muss man den Verlockungen des Paradieses auch mal widerstehen können und in den sauren Apfel namens Arbeit beißen. Hat man sich aber eine gewisse Selbstdisziplin erarbeitet und seine Produktivität optimiert, so kann man sich allerdings eine Work-Life-Balance schaffen, von denen die Meisten nur träumen können: Man relaxt mitunter an den schönsten Stränden der Welt, kann die unterschiedlichsten Kulturen, deren Speisen und eventuell sogar ein wenig deren Sprache lernen und trifft zudem auch auf sehr viele interessante Menschen. Der Erholungsfaktor und auch der Reichtum an Erlebnissen ist sicherlich hoch. Denn Reichtum muss ja auch nicht immer rein finanziell gemessen werden. Auch der eventuelle minimalistische und frugale Lebensstil kann seine Vorteile und positiven Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben, die oft mit dem digitalen Nomadentum einhergehen beziehungsweise sich sehr gut ergänzen. 

Wenn du etwas über den minimalistischen oder frugalen Lebensstil erfahren möchtest, dann schaue gerne bei den Artikeln » Minimalismus: Weniger ist mehr - Wie du dich von unnötigem Ballast befreist« und »Financial Independence Retire Early (FIRE) - Wie auch du mit einem nachhaltigen Lebensstil und kluger Finanzplanung in Frührente gehen kannst«.

 

Das Wichtigste ist also, dass man sich bewusst macht, auf was man sich einlässt. Wie alles im Leben hat auch das digitale Nomadentum seine Vor- und Nachteile. Wer sich dazu entschließt, ein solches Leben zu führen, sollte sich vorher also auf jeden Fall gründlich informieren und nicht Hals über Kopf in die große, weite Welt aufmachen. Hat man sich vorher allerdings viele Gedanken gemacht und alles gut geplant, kann diese Erfahrung durchaus mehr als nur kleines Abenteuer sein, das einen immens bereichert und und wachsen lässt - es kann zu einem Lebensstil werden. Dies heißt natürlich nicht, dass man dies unbedingt bis an sein Lebensende macht, aber das muss man natürlich aber auch gar nicht. Denn das schöne an der Freiheit ist schließlich, dass man sie selbst bestimmen kann… 

Wenn du also mit dem Gedanken spielst, ebenfalls den Start ins digitale Nomadentum zu wagen, dann lass dir nicht von anderen reinreden, sondern informiere dich gut. Damit es auch klappt, haben wir dir noch einmal die wichtigsten Tipps und Tricks aufgelistet:

Baue ein finanzielles Polster auf

Bevor du dich ins mehr oder weniger Ungewisse aufmachst, solltest du dir auf jeden Fall ein finanzielles Polster aufbauen, auf das du eventuell zurückgreifen könntest, falls es mit dem nächsten Job oder Projekt nicht auf Anhieb klappt. Ein Startkapital ist immer gut und gerade wenn man im Ausland unterwegs ist, kommen schnell viele Kosten zusammen (allen voran die Flugtickets und die Unterkunft). 

Arbeite erst in einem normalen Office-Job und lerne die nötigen Skills 

Damit du dir ein gewisses finanzielles Polster aneignen kannst, aber vor allem auch die nötigen Skills, solltest du erst eine Zeit lang in einem Büro arbeiten. Auch wenn es verlockend klingt, direkt nach dem Studium in die große weite Welt aufzubrechen, sollte man sich erst einmal eine Basis schaffen, damit dieses Vorhaben nicht schneller vorbei ist, als einem lieb ist.  

Arbeite an deiner Produktivität und Selbstdisziplin
Gerade weil man in so viele spannende Orte reist und es dort viel zu erleben, zu sehen und zu machen gibt, ist der Ablenkungsfaktor enorm. Damit man nachher nicht in finanzielle Notlagen gerät, weil man lieber am Strand gechillt als an seinem Projekt gearbeitet hat, sollte man auf jeden Fall vorher an seiner Selbstdisziplin und seiner Produktivität arbeiten. Auch hier ist es hilfreich, vorher schon einmal in einem regulären Bürojob gearbeitet zu haben, aber natürlich gibt es immer noch mehr Tipps und Tricks wie man seine Produktivität steigern kann.  

Passives vs. aktives Einkommen 

Was für jede*n Freelancer*in wichtig ist, ist natürlich ein regelmäßiges Einkommen. Gerade wenn man viel reisen, sehen und etwas erleben möchte, ist es wichtig, dass man sich diesen Lebensstil finanzieren kann. Damit man nicht nur dann Geld verdient, während man arbeitet, kann es durchaus lohnenswert sein, sich ein passives Einkommen zu sichern. Dafür gibt es viele Möglichkeiten die du u.a. hier  genauer nachlesen kannst. 

Reduziere deine Ausgaben

Ein weiterer wichtiger Tipp ist, dass du dir immer einen genauen Überblick über deine Finanzen machst und wirklich nur das Nötigste ausgibst. Dadurch, dass du ständig auf Reisen bist, hast du von vornherein aus weniger Möglichkeiten, Geld für materielle Dinge auszugeben, aber auch anderweitig kann man natürlich viel Geld ausgeben (schöne Unterkünfte, immer auswärts Essen und Trinken gehen etc.). Auch wenn es zwischenzeitlich beruflich und finanziell gut läuft, sollte trotzdem immer sparsam gelebt werden, da man nie weiß, was eventuell der nächste Monat bringt. Hier kann dir zum Beispiel die FIRE-Methode helfen. 

Mache dir einen genauen Plan

Das Digitale Nomadenleben ist vor allem eins: Ein großer Balanceakt. Damit alles glatt läuft, solltest du dir vorher also genau überlegen, wie du die Sache angehst. Hast du bereits einen Job, der dich gut über die Runden bringt oder hast du zumindest genug angespart, damit du in schwierigen Zeiten auf ein finanzielles Polster zurückfallen kannst? Gibst du deine Wohnung in Deutschland komplett auf oder vermietest du unter? Möchtest du es erst einmal ein oder zwei Jahre versuchen oder setzt du dir keine Begrenzung? Wie regelst du deine Altersvorsorge, wie deine Versicherung? All dies sind Fragen, über die du dir gründlich Gedanken machen solltest, ansonsten könnte dein Traum schneller zu Ende gehen, als dir lieb ist. 

Trete einer Community bei, die dir eventuell mit Tipps und Ratschlägen, aber auch mit Gesellschaft und eventuellen Freundschaften hilft

Gerade am Anfang kann es hilfreich sein, sich einer Community anzuschließen und so Leute kennen zu lernen, Kontakte zu schließen und vielleicht auch die ein oder anderen Tipps und Tricks zu bekommen. Außerdem können solche Communities auch gegen Einsamkeit helfen, denn man kann sich mit Gleichgesinnten austauschen, die deine Probleme verstehen und dir vielleicht sogar gute Ratschläge geben können, weil sie Ähnliches durchlebt haben. 

Hat man all diese Tipps befolgt, kann dem Abenteuer »Digital Nomad« eigentlich nichts mehr im Wege stehen…. 



Wenn du dich noch gerne ein bisschen mehr informieren möchtest, dann haben wir hier noch ein paar interessante Webseiten für dich: 

Auch wenn es heißt, dass probieren über studieren geht, kann es hilfreich sein, sich vorher gut zu informieren. Und wie klappt das besser als von Personen, die selbst den Schritt ins digitale Nomadentum gewagt haben? Hier eine Liste mit den 10 besten Blogs von und für Digital Nomads.  

Wenn du nach den besten Städten für Digital Nomads gucken möchtest, findest du eine gute Übersicht hier

Wenn du gerne einer Community beitreten willst, findest du hier eine gute Anlaufstelle.


Dir gefällt dieser Artikel?

Dann hier Newsletter abonnieren und keine Artikel mehr verpassen:

Magazin

Persönliche Entwicklung

Personal Branding - in 5 Schritten zur »Marke Ich«

31. Oktober 2019

Interview mit Konrad Gutkowski und Felix Hartelt von »Coding da Vinci«

Coding trifft Kultur: Beim Kultur-Hackathon »Coding da Vinci« werden digitale Schätze aus dem Archiv ins öffentliche Licht geholt

30. Oktober 2019

Interview mit Markus Reinhold von »EINHUNDERT Energie«

Nie wieder Stromnachzahlung! CleanTech-Startup »EINHUNDERT Energie« macht Mieterstrom smart

23. Oktober 2019

Selbstständigkeit

Coworking Spaces in Köln

19. Oktober 2019