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Interview mit Prof. Frauke Rostalski vom »Legal Tech Lab Cologne«

Von Ethik bis Softwareentwicklung: In der Hochschulinitiative »Legal Tech Lab Cologne« tüfteln Studierende an Lösungen für die Zukunft von Legal Tech

von Charlotte Clarke, 13. September 2019 08:39
Digitalisierung und Recht galten lange als unvereinbar, doch längst werden die Potenziale innovativer Technologien auch für juristische Prozesse immer größer. Die Hochschulgruppe »Legal Tech Lab Cologne« entwickelt eine Software zur Vereinfachung der Festlegung von gesetzlichen Strafmaßnahmen. Daneben sind gerade im Bereich der Rechtsprechung die Betrachtung ethischer Fragestellungen unverzichtbar. Mehr dazu im Interview mit Prof. Frauke Rostalski, Hochschullehrerin für Rechtswissenschaft an der Universität zu Köln.

Sie haben an der Universität zu Köln das Legal Tech Lab Cologne (LTLC) initiiert. Welche Ziele verfolgt dieses Projekt?

Prof. Dr. Dr. Frauke Rostalski: Das Legal Tech Lab Cologne ist eine Hochschulgruppe an der Uni Köln. Die Mitglieder beschäftigen sich im Rahmen von regelmäßigen Treffen, gemeinsamen Besuchen bei Fachveranstaltungen und in Kooperation mit Dritten mit verschiedenen Aspekten von Legal Tech. Das umfasst letztlich alle Probleme, Entwicklungen und Chancen, die sich aus der Digitalisierung und dem technischen Fortschritt für die juristische Arbeit, das Recht und die Gesellschaft allgemein ergeben. Die Herangehensweisen können dabei sehr unterschiedlich sein. Manche der Arbeitsgruppen setzen sich mit bestehenden Projekten, etwa dem »Smart-Cities«-Programm der Stadt Melbourne auseinander oder mit philosophischen und theoretischen Fragen zur Digitalisierung. Andere Gruppen arbeiten praktischer, entwickeln zum Beispiel eigene Anwendungen. Und nicht zuletzt soll es auch darum gehen, Kontakte in die Legal-Tech-Szene zu knüpfen, um hierüber Einblicke in das Innenleben der Branche zu erhalten.

Welche Art von Tools entwickeln die Teilnehmenden konkret? Gibt es bereits Prototypen oder erste Feldversuche? 

Rostalski: Die Ergebnisse des Labs sind so vielfältig wie die Projektgruppen selbst. Zurzeit arbeiten wir zum Beispiel an einem Podcast, der regelmäßig erscheinen wird und Antworten auf verschiedene Fragen geben soll, die mit Legal Tech und der Digitalisierung im Allgemeinen zusammenhängen. Die erste Folge wird voraussichtlich im Oktober erscheinen. Ein weiteres Projekt (»Smart Sentencing«) befasst sich mit den Möglichkeiten, die IT-Lösungen für die Vereinheitlichung der Strafzumessung in Deutschland bieten. Dazu entwickeln wir eine eigene Software, die die Strafzumessungsbegründungen von Urteilen analysiert und die Entscheidungen entsprechend klassifiziert und in einer Datenbank speichert. Bei flächendeckendem Einsatz lassen sich so Statistiken und Vergleichswerte zu einzelnen Zumessungserwägungen erstellen. Diese können Anhaltspunkte für zukünftige Entscheidungen bieten und so zur Rationalisierung der Strafzumessung beitragen. Wir arbeiten bereits mit einem ersten Prototyp, es ist aber noch viel zu tun.

Welche hochschulinternen und externen Akteure arbeiten im LTLC zusammen? Wie kann ich z.B. als interessierte*r Studierende*r bei dem Projekt mitwirken und welche Kenntnisse sind besonders gefragt?

Rostalski: Das Lab besteht vor allem aus Studierenden der Uni Köln. Es gibt aber auch einige Doktorand*innen und Rechtsreferendar*innen. Wir versuchen, das Team möglichst divers zu halten und Vertreter*innen möglichst vieler Fachrichtungen zu integrieren. Vor allem suchen wir nach technisch versierten Menschen, Programmierkenntnisse sind aber nicht zwingend erforderlich. Die größte Gruppe bilden natürlich die Jurist*innen, aber es gibt auch einige Mitglieder aus anderen Studienrichtungen. Wir sind auch nicht auf Studierende der Uni Köln beschränkt, sondern freuen uns außerdem über Mitglieder anderer Hochschulen, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Interessierte können sich über unsere Webseite bei uns melden.

Wie ist die Idee zur Initiierung des LTLC entstanden und welche Rolle nehmen Sie aktuell in dem Projekt ein?

Rostalski: Die Idee ist mir gekommen, als ich im vergangenen Wintersemester eine Vortragsreihe zum Thema Legal Tech an der Universität zu Köln organisiert habe. Das Interesse der Studierenden an dem Thema und ihr Elan haben mich begeistert und dazu bewogen, das Lab ins Leben zurufen. Darin habe ich die wissenschaftliche Leitung des Projekts übernommen. Ich achte also auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards in der Forschung und in den Publikationen des Labs, außerdem bin ich Teil des fünfköpfigen Vorstands. Im Übrigen ist das Lab aber eigenständig und wird von den Mitgliedern demokratisch geführt. Ich habe also kein Veto-Recht oder ähnliches, sondern bin vor allem einfaches Mitglied.

Welche Möglichkeiten gibt es für Unternehmen und Kanzleien, mit dem LTLC zu kooperieren?

Rostalski: Uns erreichen immer wieder Anfragen von Unternehmen und Kanzleien, die mit uns zusammenarbeiten wollen. Wir sind für Kooperationen mit Privaten grundsätzlich offen. Wir haben uns auch schon mehrfach mit Interessenten getroffen und über gemeinsame Projekte gesprochen. Im Rahmen des Podcasts führen wir Interviews mit Akteuren aus der Branche. Die Lab-Mitglieder haben aber immer wieder betont, wie wichtig ihnen die fachliche Unabhängigkeit ist. Die Legal-Tech-Szene wird im Moment stark von Privaten dominiert, stärker als zum Beispiel in Österreich, wo sich auch der Staat maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Uns geht es gerade darum, eine kritische Perspektive einzunehmen und auch Aspekte zu betrachten, die aus kommerzieller Sicht weniger interessant sind.

Ist langfristig eine Ausgründung bzw. Monetarisierung der im Legal Tech Lab entwickelten Software geplant?

Rostalski: Wenn sich einzelne Projekte langfristig als hinreichend tragfähig erweisen, käme eine Ausgründung durchaus in Betracht. Gerade größere und kompliziertere Projekte wie »Smart Sentencing«, die erhebliches technisches Know-How voraussetzen, sind vielleicht auf Dauer gar nicht anders zu realisieren. Dann geht es im Lab zunächst vor allem darum, die Machbarkeit zu zeigen und die theoretischen Konzepte zu erarbeiten. Für eine endgültige Umsetzung werden wir flexible Lösungen finden. Andernfalls bestünde auch die Gefahr, dass große und erfolgreiche Projekte das Lab zu sehr vereinnahmen und andere Ideen verdrängen.

Wie hoch ist der Druck auf z.B. Anwaltskanzleien und Steuerberater*innen, sich aktiv mit LegalTech-Anwendungen auseinanderzusetzen bzw. in die eigenen Prozesse zu implementieren? Welche Vor- und Nachteile können diese Technologien - auch für die Kund*innen - mit sich bringen?

Rostalski: Digitalisierung und Recht galten lange als unversöhnlich. Die Rechtsinformatik, die sich mit den Wechselwirkungen beschäftigt hat, wurde belächelt und zwischenzeitlich sogar für tot erklärt. Dass sich Vertreter*innen der Wirtschaft für Legal Tech interessieren, ist ein neueres Phänomen. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass die Programme inzwischen (vor allem Dank besserer Rechenleistung) intelligenter und damit flexibler geworden sind. Sie können jetzt mit Problemen umgehen, die für sie lange als unlösbar galten. Nach meinem Eindruck verstehen viele Kanzleien unter Legal Tech nach wie vor in erster Linie das Aktenmanagement-System oder die elektronische Textverarbeitung. In vielen Bereichen können Computer heute aber weit mehr. Richtig eingesetzt nehmen sie viel Arbeit ab und sparen Zeit und Geld. Insbesondere ermöglicht der Einsatz neuer Technologien die Skalierung der eigenen Leistungen, ohne dass die Kosten im gleichen Maße steigen. Diese Möglichkeiten stehen aufgrund der hohen Anschaffungskosten bisher vor allem großen Kanzleien zur Verfügung. Mit zunehmender Zahl der Anbieter und Verbreitung der Lösungen wird sich das aber bald ändern. Dann ist Legal Tech ein ernstzunehmender Faktor im Konkurrenzkampf, und Kanzleien und Steuerberater*innen werden es sich nicht mehr leisten können, sich nicht mit dem Potenzial für ihren Arbeitsschwerpunkt auseinanderzusetzen.

Aus Sicht der Kund*innen kann mit der Effizienzsteigerung natürlich eine Kostensenkung einhergehen. Für wichtiger, weil sichtbarer, halte ich aber den Einsatz von Software im direkten Kontakt zu den Mandant*innen. Erste Ansätze gibt es hier mit flightright.de oder wenigermiete.de. Die digitale Erfassung und automatisierte (Vor-)Bearbeitung der Fälle ermöglicht es den Kund*innen, zeitlich flexibel, kostengünstig und niedrigschwellig Hilfe zu bekommen und den Anwält*innen, strukturiert und kompakt die relevanten Informationen zu erhalten. Problematisch ist daran allerdings, dass gerade im Bereich massenhaft vorkommender Fälle der persönliche Kontakt und - im schlimmsten Fall - der Blick für die Besonderheiten des Einzelfalls verloren geht. Nicht-standardisierte Fälle könnten unwirtschaftlich und die Rechtsdurchsetzung erschwert werden.

Inwieweit wirkt sich die Digitalisierung von juristischen Prozessen auf die Forschung und Lehre der juristischen Fakultäten an den Hochschulen aus?

Rostalski: In der Lehre spielt die Digitalisierung bisher kaum eine Rolle. Das gilt sowohl für die Inhalte als auch für die Form. Ein Seminar zum Datenschutzrecht ist da schon das Höchste der Gefühle. Die Studierenden werden in Zukunft Fähigkeiten brauchen, die ihnen an der Uni bisher nicht vermittelt werden. Wir brauchen Kurse, in denen digitale Fähigkeiten erlernt werden. Es muss nicht jede*r Jurist*in am Ende seines oder ihres Studiums perfekt programmieren können. Aber er oder sie sollte zumindest verstehen, was das bedeutet.

Jura ist eine der wenigen Wissenschaften, die heute noch großflächig mit Bibliotheken und gedruckten Quellen arbeiten. Auch hier ist jedoch eine Veränderung bemerkbar. Die großen digitalen Datenbanken werden immer wichtiger, kaum eine Kanzlei kommt heute noch ohne juris- oder beck-online-Zugang aus. Die Grundlagenforschung zum Einfluss der Digitalisierung auf das Recht steht zwar noch ganz am Anfang. Es gibt aber zunehmend Wissenschaftler*innen, die sich der drängenden Fragen annehmen. Dabei geht es nicht nur um die oft bemühte Frage, ob das autonom fahrende Auto in der Dilemma-Situation die Oma oder ihre Enkel überfahren sollen. Mindestens genauso wichtig dürfte sein, ob eine (vollständige) Automatisierung der Rechtsanwendung möglich ist und ob wir das wollen können.

Wie wird sich Ihrer persönlichen nach in naher Zukunft die deutsche Legal Tech-Branche weiterentwickeln? Und wie könnten sich disruptive Technologien langfristig auf die Rechtsprechung auswirken - werden menschliche Jurist*innen in Zukunft überflüssig? 

Rostalski: Sicher dürfte sein, dass die Bedeutung von Legal Tech in den nächsten Jahren immer weiter zunehmen wird. Durch die Zusammenarbeit in den letzten Jahren haben Jurist*innen und Techniker*innen gelernt, sich zu verstehen und wo die Probleme und Interessen der jeweils anderen liegen. Natürlich gibt es hier auch einen gewissen Hype von beiden Seiten, der abklingen wird, sobald die Grenzen des Machbaren zutage treten. Man muss aber auch sehen, dass die Hürden zu großen Verbesserungen in manchen Bereichen eher niedrig sind. Während die Kanzleien zunehmend Interesse an den Möglichkeiten der Digitalisierung zeigen, sind staatliche Akteure hier oft noch sehr zurückhaltend. Nach den Problemen mit dem besonderen elektronischen Anwaltspostfach dürften die Ambitionen hier auch eher gedämpft sein. Auf dieser Ebene gibt es aber noch viel Potenzial, hier kann es auch mit verhältnismäßig wenig Aufwand zu großen Umwälzungen kommen.

Ob digitale Systeme die Jurist*innen in Zukunft in Gänze ersetzen können, dürfte die Gretchenfrage der Legal Tech sein. Ich bin da eher zurückhaltend. Zweifelsohne können Computerprogramme wichtige Hilfestellungen bei der Rechtsanwendung bieten, etwa durch Organisation und Zugänglichmachen relevanter Informationen. Die eigentliche Subsumtion macht wegen der vielen Unsicherheiten aber eine so umfassende Wertung notwendig, dass eine vollständige Automatisierung auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird. Die Frage ist dann auch, ob so etwas überhaupt wünschenswert wäre. Recht ist Kommunikation. Das gilt vor allem für den Strafprozess. Strafurteile können ihre Wirkung nur entfalten, wenn der oder die Urteilende als Vertreter*in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Wird die Entscheidung nur von einem Computer »berechnet«, fehlt diese Rückbindung. Ob Jurist*innen in Zukunft überflüssig werden, ist deshalb nicht nur eine Frage der technischen Machbarkeit, sondern auch eine Frage der Grundlagen des Rechts.

Neugierig geworden? Hier gibt es mehr Informationen zum Legal Tech Lab Cologne.


Über Frau Prof. Dr. Dr. Frauke Rostalski
Frau Prof. Dr. Dr. Frauke Rostalski leitet an der Universität zu Köln den Lehrstuhl Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Grundlagen des Strafrechts, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht, Grenzfragen zwischen Medizin, Recht und Ethik und den Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz für Recht und Moral. Sie ist Initiatorin des im März 2019 gegründeten Legal Tech Lab Cologne.


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