Newsletter abonnieren
Interview mit Thomas Maas von »freelancermap«

Beste Aussichten für Freelancer*innen: Marktstudie zeichnet deutlichen Aufwärtstrend im freiberuflichen Sektor

von Charlotte Clarke, 12. Oktober 2019 07:50
Freelancer*innen, euch stehen gute Zeiten bevor! Laut der Studie »Freelancer-Kompass 2019« dürfen Freiberufler*innen sich in den kommenden Jahren über rekordverdächtige Stundensätze freuen. Auch die Projektvielfalt, Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit sind gute Argumente für eine Freiberuflichkeit. Doch wie sehr unterscheiden sich die Stundensätze der einzelnen Tätigkeitsfelder tatsächlich? Und welche Spezialisierungen sind besonders gefragt? Dies verrät Thomas Maas, CEO von »freelancermap« im Interview.

Die von freelancermap kürzlich durchgeführte Studie »Freelancer-Kompass 2019« zeichnet für Freiberufler*innen insgesamt positive Aussichten. Was ist der Hintergrund der Studie und wie wurde die Befragung durchgeführt?

Thomas Maas: Der »Freelancer-Kompass« ist mit über 70 Fragen eine der größten Freiberufler-Studien Deutschlands. An der qualitativen Marktstudie haben 1.347 Teilnehmer*innen über einen Befragungszeitraum von 53 Tagen (25.04. bis 16.06.2019), mitgewirkt. Im Zuge der Studie erfragen wir jährlich die Hintergründe und Trends des freien Projektgeschäfts - das ist nicht nur interessant für uns als Plattform, sondern auch spannend für die Berufsgruppe selbst und Unternehmen, die Freelancer*innen bereits in Anspruch nehmen oder mit dem Gedanken spielen, freie Expert*innen zu beschäftigen. Außerdem möchten wir den Fokus der Öffentlichkeit, im Zeichen von »New Work«, auf die Möglichkeit des freiberuflichen Arbeitsmodells lenken.

Wie haben sich die durchschnittlichen Stundensätze im Vergleich zum Vorjahr entwickelt? Wie zufrieden sind Freelancer*innen mit ihrem Einkommen?

Thomas: Der durchschnittliche Stundensatz ist im Vergleich zu 2018 um fast drei Euro gestiegen - letztes Jahr lag der Verdienst noch bei 91,05 Euro pro Stunde, heute schon bei 93,89 Euro. Dementsprechend ist der Großteil der Freelancer*innen zufrieden - rund drei Viertel der Befragten antworteten auf die Frage, ob sie mit dem Einkommen zufrieden sind, mit »ja« . Die Unzufriedenheit der restlichen Teilnehmer*innen kann dadurch erklärt werden, dass insbesondere Freelancer-Neulinge noch einen zu niedrigen Stundensatz verlangen. Hier heißt es: Clever kalkulieren, spezialisieren und weiterbilden.

 

Welche Fachgebiete sind, gemessen an den Stundensätzen, aktuell besonders gefragt? Gibt es auch Branchen, die vom aktuellen Aufwärtstrend im Vergleich eher weniger profitieren?

Thomas: Besonders hohe Stundensätze sind im Bereich SAP angesiedelt - durchschnittlich 112 Euro kann ein*e Freelancer*in dieses Fachgebietes verlangen. Auch ein*e Vertreter*in der Fachrichtung Beratung und Management kann über 100 Euro pro Stunde verdienen. Generell sind die Stundensätze im Bereich IT hoch angesetzt, Freiberufler*innen in der Branche sind, auch aus Sicht des Fachkräftemangels, sehr gefragt. Der zu erwartende Verdienst steigt außerdem, sobald Führungspositionen übernommen werden - ein*e Manager*in kann beispielsweise einen Nettoverdienst von bis zu 8000 Euro pro Monat erwirtschaften.

Gemessen an den Stundensätzen gibt es in allen Branchen einen Aufwärtstrend: Bei Betrachtung der Zahlen der letzten vier Jahre ist der prozentuale Anstieg der Fachgebiete ähnlich. Grundsätzlich verlangen aber Freelancer*innen der Kreativbranche den geringsten Stundensatz.

 

Bei der Studie zeigte sich bei den Freiberufler*innen eine hohe Zufriedenheit - nur knapp über 20 % der Befragten würden eine Festanstellung in Betracht ziehen. Was sind die am häufigsten genannten Gründe für eine Selbstständigkeit?

Thomas: Die Top 3 der Vorteile der Freiberuflichkeit sind: Freie Zeiteinteilung, Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit. Auch die Projektvielfalt ist einer der am häufigsten genannten Gründe. Das ist auch einer der größten Vorteile für Unternehmen: Die Auftragnehmer*innen bringen hohe Erfahrungswerte ins Unternehmen und haben im besten Fall viele Projekte betreut.

 

Das Klischee »selbst und ständig« ist weit verbreitet. Wird dies durch eure Studie bestätigt? Wie viele Wochenstunden arbeiten Freelancer*innen im Durchschnitt tatsächlich und wie sieht es mit Urlaubstagen aus?

Thomas: Der Großteil der befragten Freelancer*innen arbeitet zwischen 41 und 50 Stunden pro Woche, nur ca. vier Prozent arbeiten über 60 Stunden. Nichtsdestotrotz ist die Trennung von Beruflichem und Privatem eine der größten Herausforderungen des Freiberufler-Daseins.

Laut gehaltsvergleich.com hatten deutsche Arbeitnehmer*innen 2018 einen Durchschnitts-Urlaubsanspruch von 29 Tagen. Die Umfrageteilnehmer*innen des »Freelancer-Kompass« geben einen Wert von 26 Tagen an. Das heißt, die Anzahl der Urlaubstage von freien Expert*innen unterscheiden sich gar nicht so stark von der Festangestellten.

Generell kann man sagen, dass eine gesunde Work-Life-Balance dringend notwendig ist - Überarbeitung und zu wenig Freizeit führen zu Demotivation und Schaffenskrisen. Deshalb sollten sich Freelancer*innen permanent die Wichtigkeit von Verschnaufpausen vor Augen halten. Den Kopf freizubekommen ist sowohl für die Kreativität als auch für die zu erbringende Leistung essenziell.

 

Der typische Freelancer ist männlich, knapp 47 Jahre alt und hat einen akademischen Abschluss. Gibt es eurer Erfahrung nach Anhaltspunkte dafür, warum nur eine von 10 Freiberufler*innen weiblich ist?

Thomas: Es scheint so, dass die Gesellschaft noch immer zu tief in Stereotypen steckt, trotz der zunehmenden IT-Bildungsprogramme in Schulen und Projekte zur Erhöhung der Frauenquote, wie beispielsweise dem »Girls-Day«, ist laut MINT-Frühjahrsreport 2019 der Anteil der Frauen in MINT-Berufen in den letzten fünf Jahren nur leicht angestiegen. Das bestätigt, dass Berufe in der IT nach wie vor eine Männerdomäne sind, was sehr schade ist, denn in den technischen Berufszweigen steckt sehr viel Potenzial für die Zukunft. Es werden händeringend Fachkräfte gesucht und die technischen Branchen sind auch gehaltstechnisch nicht zu verachten.

Um das Ganze mal auf’s Freelancing umzumünzen: Das Modell des/der Freiberufler*in kann gerade auch für Frauen mit Kinderwunsch vorteilhaft sein, da viele Projekte von Zuhause aus bearbeitet werden können - so sind Familienleben und Karriere einfacher unter einen Hut zu bekommen. Unsere Untersuchungen bestätigen: Freelancerinnen sehen die größten Vorteile in der freien Zeiteinteilung und der Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten, männliche Freelancer wiederum arbeiten bevorzugt im Unternehmen und schätzen an erster Stelle die Unabhängigkeit. Wir hoffen sehr, dass sich in Zukunft mehr Frauen für MINT-Berufe und ebenfalls für’s Freelancing begeistern können.

 

Trotz vieler günstiger Faktoren auf dem Auftragsmarkt beklagen viele Freiberufler*innen die komplizierte rechtliche Lage in Deutschland, durch die z.B. die Auswahl von Projekten und Auftraggeber*innen stark einschränkt wird. Welche gesetzlichen Änderungen diesbzgl. empfinden die Befragten als lange überfällig?

Thomas: Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich von der Politik wenig bis sehr wenig respektiert fühlen, was - aus Freelancer-Sicht - recht verständlich ist, denn die Anpassung der Rahmenbedingungen für dieses Arbeitsmodell sind längst überfällig. Das Gesetz zur Scheinselbstständigkeit soll Selbstständige zwar schützen, steht aber auf der anderen Seite dem freiberuflichen Arbeiten und auch Modellen von »New Work« grundsätzlich im Weg. Wie kürzlich in den Nachrichten zu lesen war, schwören jetzt sogar schon sehr große Unternehmen der Beschäftigung von Freelancer*innen ab - was dem Image des Berufsfeldes nicht zuträglich ist. Auch Faktoren wie die Reduzierung der Bürokratie, die Senkung der gesetzlichen Krankenversicherungsbeiträge und die Überarbeitung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes beschäftigen die Befragten.

 

Was ist für die kommenden Jahre zu erwarten? Wie wird sich die wirtschaftliche Lage für Selbstständige wahrscheinlich entwickeln?

Thomas: Trotz rechtlicher Unsicherheiten beurteilen über 70 Prozent der Umfrageteilnehmer*innen ihre wirtschaftliche Lage als gut bis sehr gut. Das deckt sich auch mit den Ergebnissen zur Frage nach der Auftragslage: Die Hälfte der Befragten erwartet keine Veränderung, rund ein Drittel rechnet allerdings mit einem Anstieg.

Generell schauen wir optimistisch in die Zukunft - sollte der Trend der letzten Jahre anhalten, könnte der durchschnittliche Stundensatz für Freelancer*innen in einigen Jahren sogar die 100er-Marke knacken. 

Welche konkreten Themen bzw. Aufgabenfelder werden in Zukunft besonders an Bedeutung gewinnen? Gibt es Qualifikationen, die besonders begehrt sind und deren Erwerb für eine erfolgreiche Auftragsakquise sehr lohnenswert sein könnte?

Thomas: Im Zuge der Digitalisierung wird die IT-Branche weiterhin stark wachsen. Die befragten Freelancer*innen schreiben sechs großen Zukunftsthemen eine wachsende Bedeutung zu: Künstliche Intelligenz und IT-Sicherheit teilen sich Platz 1. Auf Platz 3 und 4 befinden sich Cloud Services und das Internet der Dinge. Rang 5 belegt das Thema Big Data, dicht gefolgt von agilem Projektmanagement. Auch zu Programmiersprachen-Trends haben sich die befragten Freelancer*innen geäußert: JavaScript liegt mit fast 16 % auf Platz 1 des Rankings, Java (11 %) und Python (10 %) belegen Platz 2 und 3. Aus dieser Auswertung schließen wir, dass auch vermehrt in diesen Bereichen Qualifikationen gefragt sein werden.

 

Die aktuellen und prognostizierten Rahmenbedingungen machen einen Einstieg in die Freiberuflichkeit sehr attraktiv. Inwieweit wird sich dies auf die Unternehmen und den Arbeitsmarkt auswirken? Welche Vorteile kann die Kooperation mit Freelancer*innen für Unternehmen haben?

Thomas: Wenn man Prognosen einer Studie aus den USA Glauben schenken kann, werden in weniger als zehn Jahren mehr als die Hälfte der Berufstätigen Freiberufler*innen sein. Ob diese Entwicklung auch für Deutschland gelten kann, wird sich zeigen.

Eine Überarbeitung der gesetzlichen Rahmenbedingungen ist längst überfällig und für den Einsatz von Freelancer*innen dringend notwendig. Im Moment tut sich auch etwas in die Richtung: Das BMAS veröffentlichte am vergangenen Freitag den Ergebnisbericht des neuen Zukunftsdialogs, der sich unter anderem mit der Vereinfachung des Statusfeststellungsverfahrens - der rechtlich verbindlichen Prüfung des Status als selbstständig tätige Person durch die Deutsche Rentenversicherung (Anm. d. Red.) - auseinandersetzt. Im Oktober soll über mögliche Lösungsansätze diskutiert werden.

Weiterhin sind, laut der Bitkom Research aus dem letzten Jahr, 82.000 Stellen allein in der IT unbesetzt - diese Lücke kann durch den Einsatz von Freelancer*innen geschlossen werden. Weitere Vorteile für Unternehmen liegen auf der Hand: Freelancer*innen können Engpässe ausgleichen, bringen externes und extrem gebündeltes Know-how mit und können dadurch in kurzer Zeit sehr produktiv sein. Außerdem können Unternehmen schon beim Recruitingprozess Zeit sparen. Die durchschnittliche Besetzungszeit (von der Ausschreibung bis zur erfolgreichen Besetzung) eines/einer IT-Angestellten ist fünfmal so lang wie die eines/einer IT-Freelancer*in.

Die komplette Zusammenfassung der Studienergebnisse kann auf der Website von freelancermap kostenlos heruntergeladen werden.

Über Thomas Maas:

Thomas Maas ist seit 2011 als Projektleiter und inzwischen als CEO bei freelancermap tätig. Zuvor arbeitete er unter anderem bei Immowelt. Heute setzt er sich als CEO von freelancermap dafür ein, professionelle Freelancer, Selbstständige und Unternehmen für die Arbeit an spannenden Projekten zu vernetzen.


Dir gefällt dieser Artikel?

Dann hier Newsletter abonnieren und keine Artikel mehr verpassen:

Magazin

Interview mit Gernot Sümmermann von »Cynteract«

Reha in der virtuellen Welt: VR-Startup »Cynteract« bringt smarten Handschuh in den E-Health-Sektor

28. November 2019

Persönliche Entwicklung

Personal Branding - in 5 Schritten zur »Marke Ich«

31. Oktober 2019

Interview mit Konrad Gutkowski und Felix Hartelt von »Coding da Vinci«

Coding trifft Kultur: Beim Kultur-Hackathon »Coding da Vinci« werden digitale Schätze aus dem Archiv ins öffentliche Licht geholt

30. Oktober 2019

Interview mit Markus Reinhold von »EINHUNDERT Energie«

Nie wieder Stromnachzahlung! CleanTech-Startup »EINHUNDERT Energie« macht Mieterstrom smart

23. Oktober 2019

Selbstständigkeit

Coworking Spaces in Köln

19. Oktober 2019