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Startup-Interview mit Dr. Christopher Zeppenfeld

Powerriegel von SWARM Protein: Insekten To Go

von Oliver Adria, 18. November 2017 15:00
Mit Fitnessriegeln, deren Proteine aus Insekten gewonnen werden, will das Kölner Start-Up »SWARM Protein« Nachhaltigkeit, Innovation und Geschmack vereinen. Dabei erzählt Co-Founder Dr. Christopher Zeppenfeld über die Vorteile von Insekten als Nahrungsmittel, Ekel-Selfies und die große Herausforderung, die Leute zum probieren zu bewegen.

(Zuerst veröffentlicht in einer vorigen Version von Cologne.io am 24.10.2016)

Im ersten Moment wirkt die Idee, aus Insekten einen Powerriegel zu machen, etwas gewöhnungsbedürftig. Wie seid ihr darauf gekommen, hierauf ein Geschäft aufzubauen?

Timo und ich hatten schon seit Jahren eine mögliche Selbstständigkeit im Hinterkopf – falls denn mal eine Idee aufpoppt, die uns wirklich und nachhaltig überzeugt. In 2013 erfuhren wir dann in einem umfangreichen FAO-Bericht (der Agrarabteilung der UN) von essbaren Insekten und haben dies anfänglich mit zwinkerndem Auge als Geschäftsidee durchgespielt, aber nicht ernsthaft verfolgt. Über die Jahre ist die Idee, „irgendwas mit Insekten“ zu machen, aber immer wieder hoch gepoppt und hat uns inhaltlich viel beschäftigt. Anfang 2015 haben wir dann den Entschluss getroffen, jetzt etwas zu starten. Timo hat seinen Job gekündigt und zwei Tage nachdem ich meine Dissertation abgegeben hatte, waren wir im Flieger nach Bangkok – im Gepäck den FAO-Bericht. Nach einem kurzen Urlaubsstopp auf den Thailändischen Inseln, sind wir in Bangkok auch schon mit den ersten, sehr touristisch inszenierten Insekten in Berührung gekommen. Ekel-Selfies inklusive.

Wir sind dann weiter nach Ho-Chi-Min-Stadt gereist, wo wir uns spontan zwei Motorräder gekauft haben und acht Wochen durch Vietnam und Laos getourt sind. Dabei wollten wir es wissen und haben alles an Insekten vertilgt, was wir finden konnten. Angefangen bei faustgroßen Wasserwanzen im vietnamesischen Edel-Restaurant bis zum gemischten Insektenteller im laotischen Regenwald. Da wurde uns dann endgültig klar: Wir machen was mit Insekten – aber nicht so! Denn seien wir ehrlich, frittiert schmecken die auch nur nach Chips. Wir haben dann noch während der Reise angefangen, am Business Plan zu arbeiten und uns die Insekten-Industrie vor Ort anzuschauen.

Zurück in Deutschland haben wir uns mit Dani, einer alten Schulfreundin, kurzgeschlossen. Sie hat Sport studiert und gerade ihren Master in Ernährungswissenschaften beendet. Wir konnten sie sofort von der Idee begeistern. Und so haben wir uns daran gemacht, den beiläufigen Rohstoff Seidenpuppen in ein Produkt zu überführen. Dafür haben wir mit allen gesprochen, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. Wir haben mit anderen Gründern z.B. Robert Rudnick von Coffee Circle oder Nic LeCloux von true fruits gesprochen und haben alle Arten von Gedankenexperimenten durchgespielt. Das Ergebnis: Um die Menschen dazu zu kriegen, Insekten nicht als Schädlinge, sondern als Nahrung kennen zu lernen, müssen wir sie erstmal unsichtbar machen. Also brauchen wir ein Produkt, das sie kennen und in das wir die Insekten als Rohstoff einbauen können. Et voila: Der Fitnessriegel! (Das klingt ziemlich straight forward, hat uns aber tatsächlich Wochen der Iteration und des Probebackens gekostet…)

Und wie genau muss man sich den Geschmack eines solchen Riegels vorstellen?

Hervorragend! Wir experimentieren viel herum. Unsere momentane Version des Riegels basiert auf Datteln und schmeckt dementsprechend leicht süß und saftig. Die Datteln sind der Geschmacksträger und liefern dabei wertvolle Kohlenhydrate. Die Insekten werden als Pulver der Grundmasse hinzugegeben und schmecken selbst leicht heuig/nussig und auch ein wenig bitter. In Kombination mit der Fruchtsüße der Datteln haben wir so einen ausgewogenen Geschmack.

Die Proteine eurer Produkte stammen aus den Puppen des Seidenspinners. Wieso habt ihr gerade diese Insekten ausgewählt? Wäre auch die Verarbeitung anderer Insekten denkbar?

Bei unserer Recherche fiel uns schnell auf, dass es nur wenige skalierbare, also züchtbare Insekten gibt. Die meisten essbaren Insekten werden heutzutage aus der Natur entnommen. Davon abgesehen, dass dies die Verarbeitung als Lebensmittel rechtlich unterbindet, ist es ökonomisch und ökologisch unsinnig, die Tiere aus der Natur zu entnehmen und so die Wildpopulationen zu gefährden.

Von allen Arten wird insbesondere die Grille als Nahrungsmittel gezüchtet und in Thailand bereits von über 20.000 Bauern kommerziell angebaut. Aber warum etwas anbauen, was es schon in großen Mengen gibt? Die Seidenindustrie ist im asiatischen Raum gigantisch groß und produziert als Nebenprodukt um die 500 Milliarden Puppen pro Jahr. Das entspricht ca. 120.000t reinem Protein. Ein Traumprodukt.

Im Gegensatz zu Grillen, sind Seidenpuppen aufwendiger zu verarbeiten, da sie schneller verderben aufgrund des hohen Anteils guter, ungesättigter Fette. Hier arbeiten wir in Kooperation mit dem Leibniz Institut für Agrartechnik (ATB) daran, den Verarbeitungsprozess zu Pulver zu optimieren. Langfristig möchten wir als Innovationsführer für insektenbasierte Produkte wahrgenommen werden und eine breite Produktpalette unter Verwendung verschiedener Arten anbieten. Daher arbeiten wir neben der Erschließung der Seidenpuppe schon jetzt parallel an der Grille als weiterer innovativer Proteinquelle. So nutzen wir Synergieeffekte, um schnellstmöglich in den Markt zu starten.

Insekten im Essen sind für viele Europäer trotz der Globalisierung noch immer nicht im Alltag vorstellbar. Was genau sind eure Pläne, um die Menschen hier zu einem Umdenken zu bewegen?

Wir stehen hier sicher einer großen Herausforderung gegenüber. Aber unsere Gespräche mit der Zielgruppe zeichnen ein sehr positives Bild. Junge Menschen sind neugierig und wollen Sachen ausprobieren. Die Vorteile essbarer Insekten als neue Proteine (gesund und nachhaltig) helfen initiale Hürden abzubauen und sorgen sogar für großen Zuspruch von Vegetariern und Veganern, die wir anfangs gar nicht auf dem Schirm hatten.

Hinzu kommt die Inszenierung durch Provokation. Die Verwendung von Insekten macht unser Produkt schnell zu einem Gesprächsthema zu dem jeder irgendeine Meinung hat. Es wird darüber gesprochen und die Vorteile werden kommuniziert. Wichtig ist dabei, dass wir die Konsumenten zu wiederkehrenden Kunden machen. Wir distanzieren uns klar von der Positionierung als Scherzartikel, wie es einige andere Insekten-Start-Ups machen. Um Insekten langfristig als ernstgenommene Alternative zu etablieren, braucht es einfach ein Top-Produkt, das auch jenseits der Neuartigkeit überzeugt. Wir liefern ein ernährungswissenschaftlich fundiertes Nährstoffprofil und wollen auch über den Geschmack punkten. Die Vorteile von Insekten auf dem Papier allein helfen nicht – das Produkt muss einfach stark sein!

Euer Start-Up wird vom GATEWAY, dem Gründungsservice der Universität zu Köln, gefördert. Woraus besteht diese Förderung und wie ist sie zustande gekommen?

Das GATEWAY stellt uns einen Arbeitsplatz in einer Co-Working-Atmosphäre zur Verfügung. Wir sitzen hier mit diversen anderen Start-Ups, vornehmlich aus dem Tech-Bereich. Auf einen Sitzplatz kann sich jeder mit einem Konzept bewerben, der an einer der vielen Hochschulen im hgnc-Verbund verbunden ist. Primär besteht die Aufgabe des GATEWAY darin, während der Antragsphase auf Fördergelder zu beraten. Bei erfolgreicher Bewilligung von Fördermitteln, kann man dann den Büroplatz für den Förderzeitraum mieten. Zudem kann sich jeder, der sich für das Thema Gründen interessiert, im Gateway eine kostenlose Erstberatung abholen.

Gibt es noch andere Förderungen, die euer Start-Up unterstützen? Und seid ihr vielleicht schon so weit, einen kleinen Umsatz zu machen?

Wir werden ab Herbst dieses Jahres durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert. Hierbei handelt es sich zum größten Teil um Lebensunterhalt für das Team, aber auch um Sach- und Coachingmittel. Das Stipendium wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und den Europäischen Sozialfond (ESF) zu gleichen Teilen getragen.

Leider sind wir noch nicht soweit, bereits fertige Produkte zu verkaufen. Das liegt zum einen daran, dass wir noch weiterhin Kapital einsammeln, um die Produktion zu skalieren und zum anderen, dass wir noch ein paar rechtliche Aspekte klären, um als Lebensmittelunternehmen alles richtig zu machen.

Zuletzt habt ihr den 19. NUK-Businessplanwettbewerb gewinnen können. Wie war der Wettbewerb und wie seid ihr darauf gekommen, teilzunehmen?

Der NUK-Wettbewerb ist sehr professionell organisiert und einer der drei größten Businessplan-Wettbewerbe Deutschlands. Er besteht aus drei Stufen (von November bis Juli): Ideenskizze, Grobbusinessplan und finaler Businessplan. Zu allen Stufen erhält man Gutachten und die besten Teams erhalten die Möglichkeit zu pitchen und Geldpreise zu erhalten.

Wie gesagt, haben wir zu Beginn mit allen Menschen, die uns Zeit gewährten, einen Kaffee getrunken und ihnen das Ohr abgekaut. Eine der allerersten, der wir von unserer Idee erzählten, war Kathrin Möntenich, Gründerin des Bio-Suppen-Start-Ups „Pick-a-Pea“. Sie hat uns von Anfang an unterstützt und uns nahgelegt beim NUK-Wettbewerb mitzumachen. Sie selbst ist dort als Coach ehrenamtlich engagiert.

Bereits im Jahr 2015 habt ihr den Sonderpreis „Soziale Innovation und Nachhaltigkeit“ beim hgnc-Ideenwettbewerb gewonnen. Was macht eure Idee und eure Produkte so besonders?

Ich glaube viele Menschen machen einen Prozess durch, wenn sie von unserer Idee hören. Anfangs überwiegt eine Mischung aus Neugier und Abneigung. Daran anschließend erfolgt die persönliche Beschäftigung mit dem Thema. Innerlich herrscht dann eine Dissonanz zwischen objektiv positiven Argumenten und persönlichen Tabus. Dieser Zwiespalt macht das Thema dann umso spannender nachdem der Konflikt aufgelöst ist. Außerdem gefällt den Menschen die Vielschichtigkeit unseres Ansatzes. Wir wollen nicht nur ökologische sondern auch soziale Nachhaltigkeit. Daher sieht unser Geschäftsmodell vor, mit Kooperationspartnern aus Entwicklungs- und Schwellenländern zusammen zu arbeiten. Insekten sind dort eine interessante Möglichkeit marginalisierten Gruppen zusätzliches Einkommen zu verschaffen. Hierzu zählen insbesondere Menschen ohne Landbesitz und Frauen, die in der Insektenindustrie traditionell beschäftigt sind.

Zurzeit sieht man auf Fotos nur die Gesichter von Dir, Daniela Geiger und Timo Bäcker. Gibt es noch mehr Mitglieder in eurem Team oder habt ihr vor es kurz- bis mittelfristig zu erweitern?

Momentan sind wir drei das gesamte Team. Wir merken jedoch, dass dies langfristig keine Option ist und wir uns definitiv erweitern müssen. Wir sind immer auf der Suche nach motivierten Mitarbeitern. Vom Praktikanten über den Werksstudenten bis zum Vollzeitangestellten haben wir genug zu tun. Dabei brauchen wir Unterstützung in allen Bereichen: Marketing, Vertrieb, Lebensmitteltechnik etc. Zurzeit sieht es noch so aus, dass alle alles machen. Daher ist für jeden was dabei und wir denken zumindest, ein freudiges Arbeitsklima zu bieten.

Also Mädels und Jungs: Schreibt uns! Wir sind immer offen für einen Kaffee.

Wenn unsere Leser jetzt schon auf den Geschmack gekommen sind – gibt es eure Produkte schon irgendwo zu kaufen?

Leider müssen sich eure Leser noch ein wenig gedulden. Wenn sie allerdings auf dem Laufenden bleiben oder uns einfach unterstützen wollen, dann besucht uns auf www.swarmprotein.com oder in den einschlägigen sozialen Medien (ok, bisher haben wir nur facebook und instagram).

Weitere Infos:

Vielen Dank!


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