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Interview mit Gernot Sümmermann von »Cynteract«

Reha in der virtuellen Welt: VR-Startup »Cynteract« bringt smarten Handschuh in den E-Health-Sektor

von Charlotte Clarke, 28. November 2019 07:27
Nach einer Handverletzung oder einem Schlaganfall sind Reha-Maßnahmen oft vor allem eines - ziemlich monoton. Dabei ist ein regelmäßiges Training essentiell für die Genesung. Mit »Cynteract« kann die Reha in virtueller Gaming-Umgebung stattfinden. Der Clou: Ein Handschuh mit »Fingerspitzengefühl«, mit dem man virtuelle Objekte durch haptisches Feedback erfühlen kann. So kommt sogar richtig Spaß ins Training! Mehr über die Gründung seines E-Health-Startups im Interview mit dem Gründer Gernot Sümmermann.

Mit eurem Startup Cynteract habt ihr einen smarten Handschuh für den Einsatz in der virtuellen Realität (VR) entwickelt. Was genau kann euer Handschuh und für welche Zwecke kann er eingesetzt werden?

Gernot Sümmermann: Im Handschuh haben wir zahlreiche Sensoren verbaut, um jegliche Fingerbewegungen und Kräfte präzise messen zu können. Darüber hinaus kann der Handschuh den Nutzer*innen ein haptisches Feedback geben. Das heißt, wenn ich in der virtuellen Welt mit meiner Hand einen Gegenstand berühre, kann ich dies durch den Handschuh auch tatsächlich fühlen! So ist es in Kombination mit VR möglich, auf natürliche Weise in der virtuellen Umgebung zu interagieren. 

Eingesetzt in der Rehabilitation von Handverletzungen können wir essentielle Bewegungsabläufe mit Spielen verbinden, welche die Patent*innen dazu motivieren, ihr Reha-Training regelmäßig durchzuführen, weil es Spaß macht und Fortschritte leicht sichtbar werden.

Welche Vorteile hat der smarte Handschuh im Vergleich zu konventionellen Rehabilitationsmaßnahmen?

Gernot: Im Fokus steht die Motivation der Patient*innen für ein Training. Mithilfe von Gamification trainieren die Patient*innen mit Freude und vergessen fast schon, dass sie in einer Reha sind. Zusätzlich bieten wir den Therapeut*innen die Möglichkeit, den Fortschritt der Patient*innen während der Übungen mitzuverfolgen. Uns ist es sehr wichtig, dass die Spiele trotz ihres leicht verständlichen Konzepts auch für erwachsene Anwender*innen trotzdem eine gewisse Herausforderung mit sich bringen. Wir entwickeln die Spiele so, dass sie auch uns selbst Spaß machen. 

Wie weit seid ihr mit eurem Prototypen? Kann man den Handschuh bereits kaufen?

Gernot: Über die vergangen Jahre haben wir zahlreiche Prototypen entwickelt und die Technologie weit entwickelt. Der Handschuh ist nun erfolgreich als Medizinprodukt zugelassen, um für die Rehabilitation eingesetzt werden zu können.

Benötigen die Patient*innen bei der Benutzung des Handschuhs Unterstützung von einem/einer Physiotherapeut*in oder kann er auch Zuhause alleine ohne medizinische Risiken verwendet werden?

Gernot: Die portable Größe des Handschuhs ermöglicht es den Patient*innen nicht nur stationär in der Klinik, sondern auch Zuhause trainieren zu können. Falsch verwenden kann man den Handschuh von der Handhabung nicht, von daher können Patient*innen auch ohne Bedenken alleine zu Hause ihre Reha-Übungen trainieren. Allerdings sollten - auch wenn das Spielen in der virtuellen Realität viel Spaß macht - die einzelnen Trainingssessions nicht viel länger durchgeführt werden als von dem/der Physiotherapeut*in empfohlen, da es sonst zu einer Überstreckung der Sehnen kommen könnte.

Was ist euer Vertriebskonzept? Plant ihr, den Handschuh direkt an die Patient*innen zu verkaufen oder soll er durch behandelnde Ärzt*innen als Therapiemaßnahme verschrieben werden bzw. langfristig von den Krankenkassen übernommen werden?

Gernot: Durch die fantastische Durchsetzung des DVG (Digitalen Versorgungsgesetz) durch Jens Spahn können auch wir mit einem digitalen Produkt die Möglichkeit zur Erstattung durch die Krankenkassen erhalten. Vertrieben wird der Handschuh zunächst über Reha-Einrichtungen wie z.B. Kliniken.

Wie ist die Idee zur Gründung von Cynteract entstanden und was waren eure ersten konkreten Schritte zur Umsetzung eurer Geschäftsidee?

Gernot: Die ursprüngliche Idee ist schon vor einigen Jahren aus einem »Jugend Forscht«-Projekt entstanden. Unser Ziel war es, Objekte in der virtuellen Welt im wahrsten Sinne des Wortes fühlbar zu machen. Damals steckte die VR-Technologie noch in den Kinderschuhen und wir haben die nötige Hardware im 3D-Drucker selbst produziert. Dieses Projekt hat dann auch einen Preis gewonnen, so dass wir auf Messen eingeladen wurden, um unseren Prototypen vorzustellen. Schnell haben wir gemerkt, dass es besonders im medizinischen Bereich - sowohl bei Ärzt*innen, Physiotherapeut*innen als auch Patient*innen - auf großes Interesse stößt. Zusätzlich haben wir über einen Freund unmittelbar erfahren, wie monoton und langwierig eine Reha sein kann. Daher entschieden wir uns, eine Lösung zu finden und kombinierten High-Tech mit analoger Reha. 

Zu unseren ersten Schritten in Richtung Gründung gehörten dann die Teilnahme an Gründungswettbewerben, außerdem waren wir regelmäßig als Aussteller auf relevanten Fachmessen, um unser Produkt vorzustellen. Dann haben wir uns dazu entschieden, an einem Accelerator-Programm für Startups in den Niederlanden teilzunehmen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in den Niederlanden eine stärkere Offenheit für Innovationen herrscht - hier konnten wir von Beginn an in einer Klinik  erste Tests mit Patient*innen, d.h. unter unter realen Bedingungen durchführen. Das wäre in Deutschland aufgrund der strengen Vorschriften so nicht möglich gewesen. In dem Accelerator-Programm konnten wir außerdem unsere Business-Kompetenzen vertiefen und eine stärkere Fokussierung unseres Geschäftsmodells vornehmen. Ursprünglich hatten wir nämlich mehrere Zielmärkte in Kopf, haben uns dann aber doch dazu entschlossen, uns auf den Reha-Bereich zu konzentrieren. 

Wer steckt eigentlich hinter Cynteract? Welchen fachlichen Hintergrund bringt das Gründerteam mit und wie habt ihr zueinander gefunden? 

Gernot: Wir sind interdisziplinär aufgestellt, um die notwendige Kompetenz zu bündeln. Das ursprüngliche »Jugend Forscht«-Team hat sich zerstreut, aber dafür lernte ich Manuel kennen, der während meines Studiums an der RWTH Aachen im gleichen Haus wohnte - als Informatiker ergänzt er meine Kompetenzen als Maschinenbauer optimal: Manuel ist für die Software zuständig, ich für die Hardware.

Wie habt ihr es geschafft, die Entwicklung eures Prototypen zu finanzieren? Gibt es evtl. Förderprogramme im Bereich E-Health, die ihr empfehlen könnt?

Gernot: Durch die Förderung bei »Jugend Forscht« konnten wir die ersten Schritte der Entwicklung realisieren. Aber um beim bei »Jugend Forscht«-Wettbewerb wirklich erfolgreich zu sein, muss man Partner*innen oder Sponsor*innen gewinnen. Uns ist es gelungen, große Unternehmen, darunter BOSCH, zu akquirieren, die uns finanziell bei der Herstellung und Weiterentwicklung unserer Prototypen unterstützt haben.

Zu den Förderprogrammen in Deutschland gehören z.B. das »EXIST-Gründerstipendium« für wissenschaftlich basierte Geschäftsideen und außerdem gibt es in NRW ein Gründerstipendium zur Deckung des Lebensunterhalts während der Gründung. Leider sind noch keine größeren Förderungen im E-Health-Sektor vorhanden, dies wird sich aber aller Voraussicht nach mit der flächendeckenden Digitalisierung zum Glück schnell ändern.

Was war eure bisher größte Herausforderung bei der Gründung eures Unternehmens und wie seid ihr dieser begegnet?

Gernot: Ein Healthcare- oder Medtech-Startup zu gründen bedeutet, sich der großen Herausforderung der Zertifizierung zu stellen. Für ein Medizinprodukt müssen nämlich umfangreiche Risikoabschätzungen und Tests vorgenommen werden. Wir selbst haben ja keinen medizinischen Fachhintergrund, so dass uns zu Beginn gar nicht klar war, welche Standards es zu erfüllen gilt und wie man für ein elektronisches Produkt die Zulassung zu einem Medizinprodukt erhält. Leider sind selbst Beratungen zu den Regularien eines Medizinproduktes schwierig zu erhalten. Wir haben dann gemeinsam mit Fachexpert*innen den Markt erkundet und Hilfestellungen zu Regularien bekommen. Dabei war es für uns von Vorteil, auf internationalen Messen und Veranstaltungen, wie der »MEDICA« oder »REHACARE« ausgestellt zu haben. 

Wie viele andere Branchen wird aktuell auch der Gesundheitssektor durch digitale Technologien kräftig umgekrempelt. Wo bestehen eurer Meinung nach besonders große Potenziale für junge Startups im Bereich E-Health?

Gernot: Das Potenzial ist groß in der Gesundheitsbranche, da es ein Thema ist, welches jede*n Bürger*in betrifft. Die Patient*innen sollten im Fokus der Innovation stehen und die Entwicklung moderner Softwarelösungen bietet sich momentan an. Jedoch muss man sich auf eine langsame und konventionell denkende Branche einstellen, welche Innovationen durch Regularien zusätzlich erschwert.

Und zu guter Letzt: Welchen Rat würdet ihr anderen Gründer*innen mit auf den Weg geben, die mit einem digitalen Startup durchstarten wollen?

Gernot: Vernetzung ist für ein Startup absolut unausweichlich, daher ist es sinnvoll, die eigene Idee auf Events für Gründer*innen oder in »Digital Hubs« mit anderen Interessierten zu diskutieren. Gerne bieten wir auch an, unsere Erfahrungen weiterzugeben und Fragen persönlich zu beantworten.



Neugierig geworden? Hier geht es lang zur Website von Cynteract.

Du interessierst dich für weitere spannende Startups im Bereich E-Health? Dann schau doch mal in unser Interview mit »medicstream«, deren digitales Geschäftsmodell die Kommunikation zwischen Patient*innen und Ärzt*innen unterstützt.


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