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Foto ©: taxy.io
LegalTech

Das derzeit »Spannendste mit dem Langweiligsten der Welt« verbinden - Wie taxy.io mit Künstlicher Intelligenz die Steuerberatung aufmischt

von Robert Franzen, 22. Mai 2020 08:54
Wer schon mal eine Steuererklärung machen musste, der weiß, wie anstrengend und undurchsichtig der Dschungel aus Gesetzen und Bestimmungen sein kann. Damit zumindest Steuerberater*innen immer auf dem neuesten Stand der Dinge sind und ihre Kund*innen optimal beraten können, hat das Aachener Startup Taxy.io eine künstlich intelligente Technologie entwickelt, die dabei helfen soll, dieses Problem zu lösen. Was diese Technologie genau kann, erfährst du im Interview mit einem der Gründer Daniel Kirch.

taxy.io bietet eine durch künstliche Intelligenz angetriebene B2B-Steuerberatung an. Erklär doch bitte einmal genauer, wie eure Software grob funktioniert und welchen Mehrwert sie für eure Kundenzielgruppe(n) bietet. 

Daniel Kirch: Als Spin-Off der RWTH Aachen widmen wir uns der Automatisierung der Steuerberatung. Wir entwickeln mit Hilfe von Machine Learning eine künstlich intelligente Technologie, die lernt, steuerrechtliche Literatur wie Gesetze und Rechtsprechung sowie in Kanzleien oder Steuerabteilungen vorliegende interne Gutachten und fachlichen Schriftverkehr zu verstehen und auf diese Weise dabei unterstützt, steuerrechtliche Fragen teilautomatisiert zu beantworten. Unsere Softwarelösung, die als Word-oder Outlook-PlugIn eingesetzt werden kann, analysiert Texte während der Erstellung und stellt relevante steuerrechtliche Literatur wie Gesetze, Urteile und Kommentare sowie Inhalte der unternehmenseigenen Dokumentendatenbank zur Verfügung, so dass für den spezifischen Fall relevante Argumente oder Darlegungen übernommen werden können. Somit können unsere Kund*innn bis zu 80% der Recherche-und Analysetätigkeit einsparen und gleichzeitig ihre Qualität maximieren. Insgesamt werden grundlegende Prozesse der Steuerberatung erheblich effizienter. Für die Nutzer*innen der Taxy.io-Software bedeutet dies eine erhebliche Zeitersparnis und dadurch auch freigesetzte Ressourcen für persönliche und vor allem die proaktive Beratung ihrer Mandant*innen.


Mit welchen Herausforderungen haben aktuell die Steuerberater*innen auf der einen Seite und die Mitarbeiter*innen in Finanz- und Steuerabteilungen auf der anderen zu kämpfen?

Daniel: Die steigende Informationsflut aus Rechtsprechung, Erlassen und Kommentaren macht es fast unmöglich, lückenlos up to date zu sein. Die Steuerberater*nnen und damit auch das Fachpersonal müssen durch viel manuelle Recherchearbeit (Bibliothek, klassische Suchmaschinen) die beiden Informationssilos Mandant*in und Gesetz miteinander abgleichen und werden dabei kaum technologisch unterstützt. Ein hoher Anteil manueller Tätigkeiten begünstigt zudem menschliche Fehler und verringert die Zeit für kreative oder strategische Beratung. Unsere Steuerberater*innen berichten uns, dass zunehmend erwartet wird, dass sie ihre Mandant*innen auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten zur Seite stehen und in kürzester Zeit reagieren. In vielen Fällen lässt sich die Antwort auf eine steuerrechtliche Frage allerdings nicht »einfach so aus dem Ärmel schütteln«, sondern bedeutet einen erheblichen Rechercheaufwand. Steuerberater*innen stehen vor der Herausforderung, ihre Arbeit (kosten-)effizient zu gestalten und dabei für jede*n Mandant*in eine möglichst individuell optimierte Lösung zu entwickeln. Gleichzeitig sehen fast alle Steuerberater*nnen in der Digitalisierung die größte Herausforderung für den zukünftigen Erfolg.


Künstliche Intelligenz dringt in immer mehr Bereiche des juristischen Sektors vor. Welche Vorteile, aber auch potentielle Risiken seht ihr in den Möglichkeiten, die automatisierte Prozesse und künstliche Intelligenz mit sich bringen?


Daniel: Wir sehen in dem Einsatz künstlich intelligenter Software einen enormen Hebel für die Steuer-und Rechtsberatung. Zukünftig bleibt deutlich mehr Zeit für gestaltende Steuer-und Rechtsberatung, da zeitraubende Recherche-und Buchungstätigkeiten zunehmend automatisch durch Maschinen erfolgen können. Es mag kontraintuitiv klingen, aber Steuerberatung wird durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz wieder menschlicher. Selbstverständlich birgt der Einsatz Künstlicher Intelligenz auch Risiken, derer man sich bewusst sein sollte. Die Ergebnisse, die eine KI liefert, können immer nur so gut sein wie die Datengrundlage, die ihr bereitgestellt wird. Wenn diese unbewusste Vorurteile enthält, werden diese auch in den von der KI gefällten Entscheidungen widergespiegelt und teilweise sogar verstärkt. Zudem birgt Künstliche Intelligenz auch das Risiko, dass die Anwender*innen sich in Zukunft unkritisch darauf verlassen, dass sie perfekte Ergebnisse liefert. Die Ergebnisse zu hinterfragen, mit anderen Worten, das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz, bleibt weiterhin eine wichtige Komponente.

Foto ©: taxy.io


Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine intelligente Spracherkennungssoftware ausgerechnet mit dem Bereich der Steuerberatung zu verknüpfen?  

Daniel: Es fing tatsächlich bei unserer eigenen Steuerberatung an. Wir haben uns gefragt, wieso wir von unseren eigenen Berater*innen nicht proaktiv auf steuerrechtlich relevante Änderungen angesprochen worden sind. Es ging soweit, dass wir anfingen, unsere Berater*innen zu beraten, wie wir beraten werden wollten.Wir haben uns also mit unserem IT-Hintergrund die Frage gestellt: Gibt es nicht eine Möglichkeit, beide Datensilos, nämlich das Steuerrecht auf der einen Seite und die Mandantendaten auf der anderen Seite, miteinander zu verbinden? Wir haben also angefangen, ein Konzept zu schreiben, Fördermittel zu akquirieren und unsere Idee sowie das Produkt am Markt zu validieren. Nach mehrfachen positiven Feedbacks haben wir uns dazu entschieden, unser anfängliches Projekt mit Hilfe einer Finanzierungsrunde auf die nächste Stufe weiterzuentwickeln. Jemand sagte mal zu uns: »Ihr verknüpft das Spannendste der Welt mit dem Langweiligsten der Welt.« Wenn man es so betrachtet, ist vermutlich auf Anhieb klar, wieso wir für diese Mission Feuer und Flamme sind.


Wie hat das Gründungsteam zusammengefunden und welche Kompetenzen vereint das Kernteam?

Daniel: Wir Gründer kennen uns bereits aus Schul-und Studienzeiten und haben verschiedene Hintergründe: Zwei der Gründer sind Informatiker, die anderen beiden Wirtschaftsingenieure. Einer ist in der NLP-Forschung (Anm. d. Red.: Natural Language Processing) aktiv, zwei sind sehr tech-versiert und ich kenne mich im Thema Geschäftsmodelle und Finanzierung aus. Das Wissen für das Thema der Steuerberatung haben wir und durch Expert*innen, wie unsere Mentor*innen und später auch erste Mitarbeiter*innen mit Steuerexpertise, eingeholt.


Wie habt ihr den Gründungsweg wahrgenommen und was würdet ihr anders machen, wenn ihr die Chance dazu hättet?

Daniel: Auf unserem Gründungsweg hatten wir großes Glück, frühzeitig finanziert zu werden. Wir starteten mit Pre-Seed-Programmen (insbesondere das EXIST-Gründerstipendium) und visierten im nachfolgenden Schritt eine Seed-Finanzierung an, bei der man mit mindestens sechs Monaten Fundraising-Aufwand rechnen sollte. Am Ende konnten wir durch mehrere Business Angels, einem Venture Capital Fonds und die NRW.Bank unsere Finanzierung sichern. Auch unser Geschäftsmodell haben wir auf unserem Weg immer wieder hinterfragt und weiter iteriert. Insbesondere die Kund*innen sollten so gut es geht einbezogen werden, um hinsichtlich der Anforderungen flexibel zu bleiben.

Da wir im B2B-Bereich unterwegs sind waren die typischen langen Vertriebszyklen ebenfalls eine größere Herausforderung, genauso wie die Suche nach guten Mitarbeiter*innen, die in Startups arbeiten wollen. Hier galt es zunächst einen effizienten HR-Prozess aufzustellen. Wenn wir nochmal von vorne beginnen könnten, würden wir noch früher auf potentielle Kund*innen zugehen, um unsere Software stärker an den Marktbedürfnissen ausrichten zu können, anstatt zunächst im »stillen Kämmerlein« zu entwickeln.


Wie sehen eure weiteren Pläne aus? Wo seht ihr taxy.io z.B. in 5 Jahren bzw. was erhofft ihr euch für das neue Jahrzehnt?

Daniel: Unsere derzeitige Vision ist es, die zentrale Plattform für digitale steuerrechtliche Intelligenz zu werden, welche die Informationsbedürfnisse der Marktteilnehmer*innen hinsichtlich Steuerberatung in Echtzeit abdeckt und damit Steuern handhabbarer und fairer macht. Wir wollen uns mittelfristig über den DACH-Bereich hinaus ausrichten und demnächst die englischsprachigen Länder mit unseren Produkten bedienen. Wir führen ebenfalls strategische Überlegungen, unsere Technologie auf Rechtsgebiete außerhalb des Steuerrechts zu erweitern. Beispielsweise soll unsere Technologie Handlungsempfehlungen formulieren, die automatisiert an den*die Mandant*in weitergeleitet werden können.


Seid ihr momentan auf der Suche nach neuen Mitarbeiter*innen? Wenn ja, in welchen Bereichen?

Daniel: Zurzeit suchen wir insbesondere eine*n (Senior) Software Engineer, der*die Erfahrungen in der Implementierung von ETL Pipelines mit den Technologien Python, Docker/Kubernetes, MongoDB, RabbitMQ besitzt. Dabei sollte für folgende Konzepte bereits Wissen vorhanden sein: ETL Prozesse, Big Data, Microservices, Event-based architectures, API-Entwicklung (Swagger), Data Scraping (aus html, xml. etc.) sowie im Bereich Testing. Weiterhin suchen wir neue Kolleg*innen, die uns im Bereich Data Science, DevOps und System Administration bei der Entwicklung unterstützen.


Wir sind natürlich auch offen für Initiativbewerbungen. Falls jemand eine Abschlussarbeit, ein Praktikum oder Ähnliches bei uns machen möchte, schreibt uns gerne direkt eine Mail an info@taxy.io.


Habt ihr zum Schluss vielleicht noch ein paar Tipps und Tricks für Neugründer*innen mit einem digitalen Geschäftsmodell parat?

Daniel: Wichtige Fragen, die man sich zunächst immer stellen sollte sind: Was ist die Idee? Ist sie neu genug? Ist sie skalierbar? Wo ist mein Markt und wie groß ist dieser? Wer sind meine Kund*innen? Was gibt es bereits für Alternativprodukte? Wo ist mein Team? Welche Ressourcen brauche ich darüber hinaus? Bin ich bereit, mit Investor*innen zusammenzuarbeiten? Benötige ich Fördergelder?


Dabei ist ein komplementäres Team eine wichtige Voraussetzung. Ich bin ein Freund des Konzeptes, dass folgende drei Rollen abgedeckt sein sollten: Jemand, der das Produkt entwickelt, jemand, der das Produkt verkauft sowie jemand, der für die Finanzen zuständig ist. Außerdem: Geht so früh wie möglich an den Markt, stellt Hypothesen auf und validiert eure Idee mit potenziellen Pilot-User*innen, bei Business-Plan-Wettbewerben, im Austausch mit Investor*innen und seid bereit, euer Konzept kontinuierlich anzupassen. Holt viel Feedback ein. Dabei müsst ihr auch Durchhaltevermögen haben. Gerade zu Beginn wird man als Gründer*in mit vielen Zweifler*innen und Kritiker*innen konfrontiert. Wenn ihr überzeugt seid, dass es Sinn ergibt, was ihr tut und dass eure Idee skalierbar ist, nutzt die Kritik, um besser zu werden, aber lasst euch nicht entmutigen. Erfolg bedeutet auch, ein zwei Jahre auf diesen warten zu können.


Foto ©: taxy.io


Über Daniel Kirch: 

Daniel Kirch ist Mitgründer und Geschäftsführer der Taxy.io GmbH. Als CFO verantwortet er die Bereiche Strategie und Finanzen. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat nach seinem Studium in Aachen, München, Guadalajara und Shanghai zunächst als Unternehmensberater und als Senior Manager bei einem Venture Capital Fonds gearbeitet. Weil steuerliche Regulatorik alle Unternehmer*innen und Firmen betrifft und gleichzeitig unglaublich komplex ist, hat Daniel 2018 mit drei Freunden Taxy.io gegründet.







Du willst mehr über Taxy.io erfahren? Kein Problem, dann schau einfach mal auf ihrer Webseite vorbei.




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