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PropTech

Kampf dem Chaos auf der Baustelle: Startup »wirbauen.digital« bündelt alle Prozesse des Hausbaus in einer smarten Lösung

von Charlotte Clarke, 25. Januar 2020 10:14
Wer sein Eigenheim baut, möchte natürlich alles im Blick behalten. Doch auch 2020 ist es überraschend, wie ineffizient viele Prozesse - im schlimmsten Falle noch immer analog mittels Zettelwirtschaft - abgewickelt werden. Niemand weiß so recht, was die anderen gerade tun, es kommt zu Verzögerungen und Mehrkosten. Mitgründer Daniel Grube verrät, wie das PropTech »wirbauen.digital« mit einer digitalen Plattform das Abenteuer Hausbau revolutionieren und maximale Transparenz für alle Beteiligten schaffen will.

Mit eurer Plattform wirbauen.digital möchtet ihr die Kommunikation zwischen allen Beteiligten eines Hausbaus verbessern. Was (und zwischen wem) läuft derzeit aus eurer Perspektive kommunikativ oftmals nicht ganz rund beim Häuslebau? 

Daniel Grube: Die Verbesserung der Kommunikation ist nur ein Baustein unseres Ansatzes. Aktuell wird die Planung eines Bauvorhabens durch Architekten*innen digital vorgenommen, viele der folgenden Arbeitsschritte sind aber noch analog abgebildet. Leistungsverzeichnisse werden ausgedruckt, auf der Baustelle selbst werden Leistungsnachweise oder Arbeitszeiten handschriftlich festgehalten, sofern dies überhaupt vor Ort erfolgt und nicht erst im Anschluss nach der Arbeit. Absprachen werden per Email, Brief, Telefon oder sogar noch per Fax getätigt, wobei auch erstmal die*der richtige Ansprechpartner*in gefunden werden muss. Es findet einfach keine konstruktive, effiziente und projektbezogene Kommunikation zwischen allen beteiligten Personen bzw. Parteien statt.

Welchen Vorteil haben Bauherr*innen, Architekt*innen und Handwerker*innen durch die Nutzung von wirbauen.digital? Wie genau funktioniert die Plattform und wer zahlt dafür?

Daniel: wirbauen.digital besteht im Kern aus einer stationären Desktop- und einer mobilen App-Lösung. Es wird eine digitale Projektmappe anhand des Leistungsverzeichnisses erstellt, auf die alle ausführenden Handwerker*innen, Architekten*innen und Bauherren*innen entsprechend ihrer Rolle Zugriff haben. Handwerker*innen erfassen über die App ihre Arbeitszeiten und erbrachten Leistungen und hinterlegen diese mit Fotos, die sie mittels der App aufnehmen. Durch die Hinterlegung von Zeit, Datum und Ort bei den entstandenen Aufnahmen sind diese revisionssicher. Auch beinhaltet wirbauen.digital eine prozentuale Fortschrittsanzeige für das gesamte Bauprojekt und die jeweils einzelnen Maßnahmen des Leistungsverzeichnisses. Alle beteiligten Personen haben so zu jederzeit einen Überblick, wer gerade auf der Baustelle vor Ort ist, was dort gemacht wurde, wie gearbeitet wurde und wie weit die Arbeiten vorankommen.

Architekten*innen wird so ein Großteil der Koordination verschiedener Bauprojekte erleichtert, da z.B. zeitliche Engpässe schneller abzusehen sind und entsprechend gegengesteuert werden kann.

Bauherren*innen sind zeitgleich über den aktuellen Stand bei dem Bau des Eigenheims informiert, ohne physisch vor Ort sein zu müssen. Durch die Langzeitspeicherung bleibt das abgeschlossene Projekt verfügbar und bietet den Bauherr*innen einen Mehrwert für Wartung und Instandhaltung der Immobilie. Bei späteren Maßnahmen können alle Arbeiten nachvollzogen und entsprechend Handwerker*innen erneut kontaktiert werden oder eventuellen neuen Handwerker*innen alle durchgeführten Arbeiten gezeigt werden. Ziel ist es, eine »Check-Heft« gepflegte Immobilie zu haben.

Die Geschäftsführer*innen der Handwerksbetriebe haben zu jeder Zeit einen Überblick ihrer erwirtschafteten Umsätze, was bis zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war und erst am Ende des Monats erfolgte. Durch die revisionssichere Speicherung aller Leistungen können diese einfach im Büro entnommen und weiterverarbeitet werden. Es gibt keine ausufernde Zettelwirtschaft mehr, die umständlich und zeitintensiv in digitale Abrechnungssoftware übertragen werden muss.

Somit bietet wirbauen.digital grundsätzlich alle Beteiligten mehr Sicherheit und einen effizienteren Bauprozess.

Die Vergütung für unsere Lösung ist als klassisches SaaS-Modell (Anm. d. Red.: Software-as-a-Service) vorgesehen. Somit wird monatlich für jede*jeden Nutzer*in, welche*r Zeiten und Leistungen erfasst, abgerechnet.

Die Immobilienbranche gilt als sehr traditionell. Welche Erfahrungen habt ihr bei den verschiedenen Akteur*innen gemacht, die ihr mit eurer Plattform verbinden wollt - wie aufgeschlossen oder skeptisch sind z.B. Architekt*innen, Handwerksbetriebe und private Hausbauer*innen in Bezug auf digitale Angebote?

Daniel: Es ist richtig, dass das Baugewerbe derzeit der Digitalisierung etwas hinterherhinkt – allerdings ist das nicht nur in dieser Branche so. Ein Umdenken ist jedoch definitiv festzustellen.

Architekten*innen sind im Allgemeinen neuen Technologien und Softwarelösungen aufgeschlossen. Ihre Arbeit rund um die Planung ist von Grund auf bereits sehr digital. wirbauen.digital führt die bestehenden Ansätze nun weiter und ergänzt neue Möglichkeiten.

Handwerksbetriebe sind grundsätzlich eher skeptischer. Projekte wie BIM (Building Information Modelling) und das dazugehörige »planen-bauen 4.0« bewirken aber ein grundsätzliches Umdenken, da der digitale Bau zunehmend vom Gesetzgeber gefordert wird. wirbauen.digital hilft den Handwerkern*innen, diese neuen Vorschriften umzusetzen.

Im privaten Hausbau sind Bauherren*innen sehr aufgeschlossen. In der Regel haben sie ein Smartphone und benutzen es tagtäglich, egal ob privat oder beruflich. wirbauen.digital macht ihren Bau transparenter. Sie müssen nicht mehr nach der Arbeit im Dunkeln mit einer Taschenlampe durch die Baustelle stolpern. Vielmehr können sie entspannt in der Mittagspause oder kurz von Zuhause einsehen, wie weit ihr Hausbau ist und wer gerade vor Ort ist. Auch von großen Immobilienprojektierer*innen erhalten wir sehr positives Feedback und spüren starkes Interesse.

Natürlich hilft es, ein gutes Produkt zu haben, mit welchem man auch skeptische Parteien überzeugen kann, da wir einen klaren Mehrwert für alle Parteien aufzeigen und quantifizieren können. Wir sind auch der Meinung, dass der fortschreitende Generationenwechsel den Wandlungsprozess begünstigen wird.

Wie ist die Idee zu wirbauen.digital entstanden und wie hat sich das Gründerteam gefunden?

Daniel: wirbauen.digital ist zweigleisig entstanden. Lukas bemerkte nach dem Eintritt in den familiengeführten Dachdeckerbetrieb, dass viele Arbeiten auf Baustellen noch analog ausgeführt werden, welche in anderen Branchen längst digitalisiert sind. Er war sich sicher, dass es hierfür eine bessere Lösung geben muss. Gleichzeitig entwickelte Daniel zusammen mit seinem Bruder die Idee zu einer Softwarelösung zur Materialplanung und -beschaffung in der Baubranche. Über den Wirtschaftsverband »DIE JUNGEN UNTERNEHMER« lernten sie sich kennen und stellten sich gegenseitig ihre Ideen vor. Dabei bemerkten sie viele Überschneidungspunkte, so dass sie beschlossen, ihre Konzepte zu bündeln und in wirbauen.digital zusammenzuführen. Das Gründerteam wurde dann durch Kontakte aus dem Studium und dem persönlichen Netzwerk um Harry Schroer, David Lehmann und Wieland Feuerstein ergänzt.

Welche fachlichen Hintergründe und Kompetenzen bringt das Gründerteam mit? Gab es Aufgabenbereiche, mit denen ihr zu Beginn noch völlig unvertraut wart? 

Daniel: Das Gründerteam ist interdisziplinär sehr breit aufgestellt und bringt bereits unternehmerische Erfahrung mit. In wirbauen.digital bündeln wir Kompetenzen aus den Bereichen Handwerk, Softwareentwicklung, Design, Abrechnungssysteme / Personalmanagement, Vertrieb und Finanzen. Bei Fragestellungen zu IT-Sicherheit und Datenschutz waren wir anfänglich etwas skeptisch, da wir natürlich gewisse Ansprüche an die Leistungsfähigkeit und Nutzbarkeit der Software haben, zeitlich aber unseren Nutzer*innen höchste Standards in Bezug auf Ihre Daten bieten möchten. In unserem Netzwerk haben wir dann jedoch sehr schnell auch Antworten auf diese Fragen gefunden.

Mit welcher Strategie ist euch als noch sehr junges Startup ohne Referenzen gelungen, das Vertrauen eurer ersten Kund*innen zu gewinnen? Welchen Rat würdet ihr anderen Gründer*innen diesbzgl. mit auf den Weg geben?

Daniel: In erster Linie ist es wichtig, ein überzeugendes Konzept zu haben. Durch Lukas’ besondere Nähe zur Baubranche, der auch wirbauen.digital in seinem Dachdeckerbetrieb nutzen wird, konnten wir weitere Personen und Unternehmen aus dem Gewerbe kennenlernen, mit ihnen zusammen wirbauen.digital entwerfen und stetig weiterentwickeln. Uns war es möglich, die App gemeinsam mit den späteren Nutzer*innen zu gestalten.

Anderen Gründer*innen würden wir raten, euer Produkt nicht als vollendet anzusehen. Sprecht mit euren Kund*innen und fragt, was sie wirklich wollen und was euer Produkt leisten soll. Entwickelt es stetig weiter, denn es wird immer jemanden geben, der etwas anders haben will. – Und das Allerwichtigste: Lasst euch von Hindernissen nicht entmutigen.

Was war bislang eure größte Herausforderung beim Aufbau eures Business und wie seid ihr dieser begegnet?

Daniel: Ein schlagfertiges und breit aufgestelltes Team mit verschiedenen Kompetenzen zu finden. Begegnet sind wir der Herausforderung mit Ehrgeiz und Geduld :)

Und auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?

Daniel: Besonders stolz sind wir natürlich auf unser sich stetig weiter entwickelndes Konzept von wirbauen.digital. Darüber hinaus sind wir sehr stolz auf das Team welches, wir zusammenbringen konnten. 

Was sind für euch die größten Vorteile einer Selbstständigkeit im Vergleich zu einer klassischen Anstellung? Und Hand auf’s Herz: Sehnt ihr euch manchmal auch mal nach einem stinknormalen Bürojob?

Daniel: Die Selbstständigkeit bietet natürlich den Vorteil der eigenverantwortlichen Arbeit und der eigenen Gestaltung und Umsetzung von Ideen und Konzepten. Jede*r gibt alles, was sie*er kann und arbeitet an wirbauen.digital, weil sie*er es möchte. Das Thema Motivation gibt es also in so einem Setting gar nicht.

Natürlich hat man sein »Baby« ständig im Kopf und führt es quasi 24/7 mit sich herum – das muss man wollen und dessen muss man sich bewusst sein. Da wir alle bereits unternehmerische Erfahrung haben, wussten wir sehr wohl, auf was wir uns einlassen – von daher sehnt sich keiner von uns nach einem normalen Bürojob. Ganz im Gegenteil: Wir haben uns bewusst dagegen entschieden.

Wie sieht aus eurer Perspektive die Immobilienwirtschaft der Zukunft aus und welche Rolle werden innovative, digitale Geschäftsmodelle von PropTechs wie wirbauen.digital dabei spielen?

Daniel: Die zukünftige Immobilienwirtschaft geht mehr und mehr ins digitale Zeitalter über. Nachdem bereits die Planung nicht mehr analog erfolgt und wirbauen.digital den Bauvorgang selbst digital abbildet, geht die Zukunft in Richtung Virtual Reality. Häuser können, noch bevor auch nur das Grundstück ausgesucht, ist virtuell begangen werden.

Während des Bauprozesses werden Baustellen mittels 360° Kameras und Lasertechnologie abgebildet und vermessen und ermöglichen digitale Rundgänge. Durch die neue 5G-Technologie können solch große Datenmengen künftig in Echtzeit auf jedes Endgerät übermittelt und über wirbauen.digital abgebildet werden. Wir sind also bereit für die Zukunft und freuen uns auf die Möglichkeiten, die sich für uns aus zukünftigen Technologien ergeben. Natürlich hoffen wir auch, dass mit der Einbindung von digitalen Lösungen wie wirbauen.digital Schlagzeilen zu Kostenexplosionen oder Bauverzögerungen bei kleinen und großen Bauvorhaben reduziert werden können.

Du möchtest mehr erfahren? Hier geht es lang zur Website von wirbauendigital.de.

Noch mehr spannende Einblicke in die PropTech-Szene bietet dir unser Interview mit Lumoview: »Raumfahrtforschung ganz bodenständig: Startup Lumoview entwickelt innovatives Messsystem zur Energieeffizienzsteigerung von Gebäuden«


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